Die neue Ära des modernen Leserbriefs

von Dilan Gropengiesser

Der Schweizer Presserat hat Ende 2011 nach mehrmonatigen und intensiven Diskussionen beschlossen, die Regeln der Publikation von Online-Kommentaren denen des Leserbriefes anzugleichen. Dies aufgrund vorangegangener missbräuchlicher Inhalte, die vermehrt im Internet veröffentlicht worden waren.

Die Leserbriefseite ist ein fester Bestandteil von Zeitungen und Zeitschriften. Die Leserzuschriften werden nach gewissen Kriterien ausgewählt und nicht wahllos publiziert. Abgedruckt wird auch selten der gesamte Leserbrief. Der Leserbriefredaktor funktioniert als sogenannter „Gatekeeper“ und entscheidet, welche Inhalte für die Öffentlichkeit von Interesse sind. Er darf gewisse Aussagen auch umformulieren, allerdings ohne deren Sinn dadurch zu verändern. Die Leserschaft sieht nicht die ganzen Zusammenhänge, sondern muss sich mit den Leitlinien der Redaktionen abfinden.

Schnell, unkompliziert, grenzüberschreitend

Im Internet sind die meisten Kommentare weniger umfangreich als die Leserkritik, die schriftlich bei den Redaktionen eintrifft. Die Menschen beschränken sich online eher auf die „wichtigen“ Aussagen. Die eigene Meinung auf diesem Weg kundzutun, erfordert kaum Aufwand. Deshalb lassen sich die Menschen auch schneller und häufiger dazu verleiten, ihre Meinung übers Internet öffentlich zu machen. Weil dies so unkompliziert ist, entstehen schnell auch Kommentare, die nicht wohlüberlegt oder recherchiert sind. Bisher wurde in den Redaktionen die Kommentar-Funktion bei gewissen Themen blockiert, weil man davon ausgehen konnte, dass die Meinungen zu provokativ sein würden. Schrieb jemand bei einem „seichten“ Thema unerwartet etwas Anstössiges, nahm man dies nachträglich aus dem Netz. Dass man im Internet mehrheitlich anonym bleiben kann, hat den Gebrauch von grenzüberschreitenden und teilweise rassistischen Äusserungen noch begünstigt. Der Schweizer Presserat sah Handlungsbedarf.

Neue Regeln

Die Online-Kommentare sind nun gemäss neuer Regelung des Schweizer Presserats genau so wie der Leserbrief mit einem vollen Namen zu sichern. Dabei gibt es auch Ausnahmen.

Die Veröffentlichung eines anonymen Kommentars wie bei herkömmlichen Leserbriefen ist ausnahmsweise zulässig, sofern damit schützenswerte Interessen (Privatsphäre, Quellenschutz) gewahrt werden.

Er hat zudem veranlasst, dass analog zum Leserbrief die Journalisten auch bei den Online-Kommentaren redigierend eingreifen sollen. Allerdings nur dann, wenn die Äusserungen „berufsethische Normen in offensichtlicher Weise verletzen.“ Weiter erklärt der Presserat, dass das nachträgliche Löschen eines missbräuchlichen Kommentars nichts an der Verantwortung für die vorübergehende Verletzung der „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ ändere. Dieses neue Gesetz unterstreicht die Wichtigkeit des Internets in der heutigen Zeit ein weiteres Mal. Es wird deutlich, dass der Online-Kommentar dem traditionellen Leserbrief in seiner Bedeutung in Nichts nachsteht.

Purer Euphemismus

Die neuen Regeln des Presserats dürfen stark hinterfragt werden. Der Aufwand zur einwandfreien Identifikation der Kommentarschreiber ist riesig. Es ist eher unwahrscheinlich, dass dieser Auftrag umsetzbar ist. Die Redaktionen verfügen schlichtweg über zu wenig Ressourcen. Der Gedanke des Presserats ist grundsätzlich nachvollziehbar. Guter Journalismus ist transparent, so sollen qualifizierte Leserkommentare dies ebenfalls sein. In den Weiten des Internets ist eine Kontrolle wie diese allerdings kaum durchzusetzen. Die Bemerkung, dass das nachträgliche Löschen von anstössigen Kommentaren die Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalistinnen und Journalisten verletze, mutet etwas seltsam an. Denn räumt man den Rezipienten die Möglichkeit der Kommentarschreiberei ein, so lässt es sich kaum verhindern, dass auch missbräuchliche Äusserungen publiziert werden. Es bleibt nur die nachträgliche Korrektur.

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