Schaufenster-Kritik: Jelmoli entzog Werbegelder

von Anna Rosenwasser

Der Tages-Anzeiger kritisierte ein Schaufenster von Jelmoli – worauf das Modehaus der Zeitung sämtliche Werbeaufträge entzog.

Eines der umstrittenen Schaufenster im Jelmoli Zürich.

Eines der umstrittenen Schaufenster im Jelmoli. Quelle: nachrichten.ch

Mit Schaufensterpuppen und Sprechblasen aus Karton stellte das Zürcher Warenhaus Jelmoli vergangenen September Büroszenen der etwas anderen Art nach. Die in den Schaufenstern dargestellten Situationen, in denen sich Chefs und Sekretärinnen näherkommen, sollten der Kultserie «Mad Men» nachempfunden sein. Unter dem Titel «Sexistische Schaufensterpuppen» veröffentlichte die gedruckte Ausgabe des Tages-Anzeigers daraufhin eine Kritik an der Fenstergestaltung. Autor Peter Aeschlimann stellte in groben Zügen die Serie «Mad Men» den «missglückten» Szenen des Jelmoli gegenüber, unterlegt von Expertinnen-Zitaten, etwa von Politologin Regula Stämpfli. Diese lässt sich im Artikel mit einer subtilen Aufforderung zum Boykott zitieren:

«Ich hoffe, die in ihrer Intelligenz, Schönheit, Witz und Humor beleidigten Jelmoli-Kundinnen realisieren dies nicht nur, sondern ziehen auch klare Konsumkonsequenzen daraus», sagt Stämpfli.

Konsequenzen zog auch Jelmoli: Nach Erscheinen des kritischen Tages-Anzeiger-Artikels stornierte das Modehaus sämtliche Inserateaufträge in der Zürcher Tageszeitung. Der Internetauftritt des Tages-Anzeigers zieht Konsequenzen: Der in der Druckversion erschienene Artikel wurde von tagesanzeiger.ch wie auch vom Newsnet genommen und ist auch in den jeweiligen Archiven nicht mehr auffindbar.

Kleinreport berichtete über diesen Vorfall. Dazu holte der Mediendienst auch weitere Statements von Regula Stämpfli ein, die diese später auf ihrer Facebook-Seite teils korrigierte:

Ich habe mich übrigens über die Schaufensterpuppen nicht enerviert, da dichtet der Kleinreport. Ich finde sie einfach schlicht doof und ich mag es nicht, wenn man meine Intelligenz und die vieler Frauen und Männer beleidigt.

Kleinreport bat auch Tamedia und Jelmoli um eine Stellungnahme. Beide Stellen aber blockten ab:

«Wir diskutieren unsere Geschäftsbeziehungen nicht öffentlich und können daher Ihre Fragen nicht beantworten», liess Astrid Gloor, Abteilungsleiterin Marketing/Werbung, verlauten. Ähnlich zugeknöpft reagierte das Verlagshaus Tamedia: «Zu einzelnen Kundenbeziehungen nehmen wir keine Stellung», sagte Eliane Gräser, Projektleiterin Unternehmenskommunikation, auf Anfrage des Klein Reports.

Regula Stämpfli ihrerseits veröffentlichte eine an sie versandte E-Mail vom Jelmoli-CEO Hanspeter Grüninger:

(…)Leider haben Sie uns in verschiedenen Medien auf eine äusserst respektlose Art angegriffen und diffamiert. (…) Sie jedoch lassen jeglichen Respekt gegenüber einem Unternehmen und all seinen Mitarbeitenden vermissen und schrecken auch nicht davor zurück, im Namen unserer Kundinnen und Kunden verbal um sich zu schlagen. Wir bitten Sie, davon Abstand zu nehmen.

Ihre Antwort veröffentlicht Stämpfli ebenfalls auf ihrer Facebook-Seite, wofür sie über 50 «Gefällt mir»-Klicks erntet:

(…) Aufgrund des kritischen Artikels hat nun Jelmoli offenbar über mehrere tausend Franken Anzeigen beim TagesAnzeiger und beim Newsnetz annulliert. Da ist es klar, dass ich als Medienexpertin und Kolumnistin von Radio1 mich gegen diesen Druck und für die

Meinungsäusserungsfreiheit für die Qualität des Journalismus in diesem Lande wehre. (…), wäre es einem Unternehmen wie Ihnen angestanden, die Publizität, die Sie so auch gratis erhalten, kreativ umzusetzen. (…) Ich denke nur so kann die Geschichte in einen offenen Unternehmungs- und Medienprozess transformiert werden. Mir geht es um die herrschenden Bilder und die Meinungsäusserungsfreiheit, Ihnen um Ihren guten Ruf, den Sie aber momentan daran sind, selber zu beschädigen.
Ich lege dieses Mail in Kopie an die betreffenden Medien, die über Jelmoli berichtet haben, da ich der Überzeugung bin, dass heutzutage eine offene Diskussion über streitbare Punkte der einzig richtige Weg für florierende Unternehmen sind. (…)

Zumal Stämpfli in ihrer Antwort explizit ein Treffen vorschlägt, erfolgen keine weiteren Updates in der Thematik auf ihrer Facebook-Seite. Andere Medien hingegen berichten im Netz über das Geschehen und verbreiten bereits erschienene Artikel zum Thema weiter, so etwa die Jungen Grünen des Kantons Zürich, Radio 1 (bei denen Stämpfli als Kolumnistin tätig ist), das Kuturmagazin Ensuite und die Onlinedienste kulturreport.ch und nachrichten.ch. News.ch interviewt Stämpfli gar über das Geschehene.
Der Tages-Anzeiger selbst reagiert nicht: Weder in der gedruckten noch der digitalen Ausgabe der Zeitung finden die Leserinnen und Leser weitere Informationen über Jelmolis Reaktion auf den kritischen Artikel. Auf Stämpflis Facebookseite kommentieren ein Dutzend verschiedener Leute – teils aus der Politik oder der Unternehmenskommunikation – den Vorfall.

Miklós Klaus Rózsa: An allem find ich am Schlimmsten, dass der Tages Anzeiger auf den Inserateboykott einging, und den Artikel online nicht publizierte. Das ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte: Erpressbare Medien.

In den grossen Schweizer (Print-)Medien wird das Thema derweil nicht aufgegriffen. Online versanden die Diskussionen oder driften in andere Themen ab. Ob der Tages-Anzeiger oder Newsnet unterdessen wieder Werbeaufträge von Jelmoli haben, ist öffentlich nicht bekannt. Der Vorfall zeigt aber, dass diese Abhängigkeiten noch existieren – und die Schweizer Medienlandschaft noch nicht offen genug über Vorkommnisse wie diese kommuniziert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.