Umstrittene Neuerung bei der „Tagesschau“

von Sara Stulz

Seit rund einem halben Jahr werden in der „Tagesschau“ einzelne Themen stärker gewichtet und Korrespondenten äussern öfter ihre persönliche Meinung. Was von der Redaktion bewusst eingeführt wurde, stösst nicht bei allen Zuschauern auf Begeisterung. Ist die „Tagesschau“ dazu verpflichtet, neutral zu berichten oder helfen subjektive Einschätzungen bei der Analyse und Einordnung von Sachverhalten?

In den Tageszeitungen sind subjektive Kommentare des Chefredaktors oder der Ressortleiter an der Tagesordnung. Ein erfahrener Journalist gibt seine persönliche Meinung und Einschätzung zu einem aktuellen Thema wieder. Dies kann dem Leser bei der Einordnung helfen und zur Meinungsbildung und Diskussion beitragen. Doch braucht es so etwas auch im Fernsehen bei der „Tagesschau“?

Manch einer kann sich noch an die Kommentare des damaligen Chefredakors der „Tagesschau“, Ueli Haldimann, nach den Abstimmungen erinnern. Diese ernteten in den Medien viel Kritik und auch Ueli Haldimann selbst schien sich vor der Kamera alles andere als wohl zu fühlen. 2006 wurden diese Kommentare von der Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre aus dem Programm gestrichen.

Wir fanden, dass solche Kommentare keine TV-gerechte Form der Einordnung darstellen.

So lautete damals die Begründung. Was für Deltenre nicht TV-gerecht ist, findet in der ARD jedoch auch heute noch regelmässig statt. In den ARD-„Tagesthemen“ gibt es jeden Tag einen Kommentar von einem Journalisten zu einem aktuellen Thema.

Beispiel: Kommentar von Reinhard Borgmann zur Wulff-Affäre

Ganz ohne Ankündigung hat die „Tagesschau“ nun rund 5 Jahre später damit begonnen, einzelne Themen stärker zu gewichten. Seit Juli 2011 werden ausserdem häufiger Korrespondenten und Experten eingesetzt, die auch schon mal ihre subjektive Meinung zu einem Thema abgeben, ohne dass diese aber klar als Kommentar deklariert wird.

Gemäss der Dezember-Ausgabe von „link„, dem „Magazin des Publikumsrats und der Mitgliedschaften der SRG Deutschschweiz“, soll mit dieser Neuausrichtung ein Mehrwert gegenüber dem Online-Angebot geschaffen werden. Wie der Ombudsmann des Schweizer Fernsehens Achille Casanova in dem Artikel schreibt, will die „Tagesschau“ dem Zuschauer mehr Vertiefung und Einordnung bieten.

Beispiel: Hanspeter Trütsch zu der SVP-Niederlage bei den Bundesratswahlen.

Im Verlauf des letzten Jahres sind bei Ombudsmann Casanova wegen dieser heimlich eingeführten Neuerung mehrere Beschwerden von Zuschauern eingegangen. Gemäss „link“ finden diese, dass die“ Tagesschau“ primär dazu da sei, Informationen zu vermitteln und keine subjektive Einschätzung abzugeben. Durch die starke Gewichtung von einigen Themen kämen ausserdem andere Nachrichten zu kurz, welche für die Zuschauer auch interessant wären.

Auch andernorts sorgt die still eingeführte Neuerung für Stirnrunzeln. SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sagte gegenüber 20min-Online:

Es ist die Aufgabe der Tagesschau, neutral zu informieren. Ich finde es problematisch, wenn Journalisten ihr politisches Weltbild propagieren.

Und auch die meisten Leser-Kommentare zu dem 20min-Artikel weisen auf eine Ablehnung der neuen „Tagesschau“-Strategie hin.

Und auch „lolipop“ findet, dass es die Aufgabe der „Tagesschau“ sei, objektiv zu berichten.

Andere Zuschauer finden, dass solche Einschätzungen nicht in das Format der „Tagesschau“ passen, sondern eher in andere Sendungen wie die „Rundschau“.

Der Redaktionsleiter der „Tagesschau“, Thomas Schäppi, entgegnet den Kritikern in einer Stellungnahme in „link“ damit, dass sich die“ Tagesschau“ in der rasch verändernden Medienwelt neu ausrichten müsse. Da sich die meisten Zuschauer während des Tages über Handy und Computer informieren, sei er am Abend bereits über alle Neuigkeiten im Bilde. Deshalb gelte:

Die Tagesschau muss mehr bieten als nur Kurznachrichten.

Die Ombudsstelle fordert vor allem, dass persönliche Einschätzungen der Korrespondenten oder Journalisten klar zu erkennen seien. Thomas Schäppi erklärt denn auch, dass subjektive Meinungen entweder auf die Frage „Wie beurteilen Sie…?“ folgen oder in der Ich-Form ausgeführt werden. Auch der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Peter Studer, findet gegenüber 20min-Online, dass persönliche Kommentare erkennbar sein müssen.

Wenn Kommentare stattfinden, müssen diese klar ersichtlich sein – etwa durch einen ‹Achtung Kommentar›-Einblender.

Dann wäre man also fast wieder beim Kommentar à la Ueli Haldimann angelangt. Die Wiedereinführung solcher Kommentare wurde bereits 2010 auf Forderung des SRF-Regionalrats des Publikumsrats diskutiert. Auch Julian Hoegger, ein 20min-Online-Kommentator, findet dies eine gute Lösung.

Auch „Tagesschau“-Moderator Franz Fischlin hat sich gegenüber „Der Sonntag“ für Kommentare ausgesprochen. Diese seien unter anderem eine gute Möglichkeit, den Dauervorwurf der SVP und auch einigen Zuschauern zu entkräften, dass das Schweizer Fernsehen linkslastig sei. Denn in der Redaktion seien verschiedenste Meinungen vertreten, genau wie im Parlament.

Gegenüber dem Tages-Anzeiger sagte Medienwissenschaftler Roger Blum schon vor einem Jahr, dass es aber geeignetere Formen als der Kommentar im Fernsehen gäbe. Eine gute Lösung wäre seiner Meinung nach auch ein Gespräch des Moderators mit einem Fachredaktor, der eine kommentierende Analyse wage. Dies tut die „Tagesschau“ nun ja mit dem vermehrten Einsatz von Korrespondenten. Interne Fachredaktoren wurden beispielsweise auch schon in Sondersendungen direkt im Studio miteinbezogen.

Beispiel: André Marty zu der Situation in Libyen.

Das SRF hat sich fürs erste gegen die Wiedereinführung expliziter Kommentare von Redaktoren und für die eher weniger offensichtliche Einordnung und Analyse von Themen entschieden. Wie sich die Neuausrichtung der „Tagesschau“ im neuen Jahr entwickelt, ist weiter zu beobachten.

5 Gedanken zu „Umstrittene Neuerung bei der „Tagesschau“

  1. Vinzenz Wyss

    Die Einschätzungen und Interpretationen der Korrespondenten werten eine Tagesschau auf. Wer meint, ein Tagesschaubeitrag solle sich auf das Aneinanderreihen von „Fakten“ beschränken, geht naiv von einer unterkomplexen Vorstellung von „Objektivität“ aus. Transparent gemachte Interpretationshilfen gehören zum guten Journalismus und sind in den Tagesschaubeiträgen auch klar als solche erkennbar (für diejenigen, die das auch wollen).

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  2. Urs Steudler

    Es kann weder beim Schweizer Fernsehen noch bei den Printmedien angehen, dass persönliche Kommentare abgegeben werden. Die Medien (TV, Radio, Print) haben die Aufgabe zu informieren – sachlich, neutral. Mehr geht nicht. Die Print-Medien haben vor etlichen Jahre angefangen persönliche Kommentare und gar politische Empfehlungen abzugeben; nur logisch, dass SF nun meint nachziehen zu müssen. Das geht schlicht nicht. Damit werden die journalistischen Grundprinzipien verletzt und das ist nicht akzeptabel.
    Sowohl Print- als auch TV/Radio-Medien haben nach wie vor sachlich und neutral zu berichten. Punkt. Die Leserinnen und Leser und die TV-Zuschauerinnen und Zuschauer sind allesamt selbst in der Lage zu entscheiden, da braucht es keinen Kommentar, der irgendwelche Ziele vorgibt und beeinflussend wirkt.

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  3. Reto Stauffacher

    Kommentare in der Tagesschau sind legitim. Bei bestimmten Themen, zum Beispiel im „Fall Hildebrand“, käme den Zuschauern eine Einschätzung sicher entgegen… Aber: Sie müssen klar als solche gekennzeichnet werden!

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  4. Stephan S.

    Aus meiner Sicht würde es absolut Sinn machen, gekennzeichnete Kommentare in die Tagesschau miteinzubeziehen, solange diese nicht zu tendenziös ausfallen und weiterhin alle Fakten angesprochen werden. Aufgrund der sinkenden Einschaltquoten der Tagesschau sind auf die Dauer wohl so oder so einige Neuerungen vonnöten. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Einbauen der Kommentare tatsächlich den „Dauervorwurf“ der SVP entkräften würde oder ob nicht gar das Gegenteil eintreten würde. Zum momentanen Zeitpunkt braucht es sehr wenig, bis die SVP auf (vermutliche) Benachteiligungen reagieren würde.

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  5. Hanspeter T.

    Neutrale Berichterstattung ist nicht möglich.
    Allein die Themenwahl und die Gewichtung sind subjektiv – und jeder Kommentar ebenfalls.
    Berichtet das Fernsehen vermehrt über Ausländergewalt, gewinnt die SVP – berichtet es vermehrt über linke Themen, wie AKWs oder Armut in der Schweiz gewinnen die Linken.

    Daher muss man sich Fragen, ob die Fernsehlandschaft der Schweiz nicht zu eintönig ist. Vielleicht wäre es besser, private Fernsehsender zu subventionieren, statt ein riesiges Staatsfernsehen zu betreiben welches der Bevölkerung sagt, wie sie Themen „einordnen“ soll…

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