Mit Vollgas in die PR

von Stephan Pruss

Nach dem Studium der Medienwissenschaften heisst es: ab in die Praxis, aber nicht in den Journalismus. Immer beliebter sind die Public Relations, wie die kürzlich vorgestellte Absolventenstudie des IPMZ zeigt. Und Journalismusstudierende des IAM in Winterthur fragen sich, was ihnen das Studium überhaupt bringt.

Journalismus ist Learning by Doing, heisst es häufig, besonders von Praktikern: Eine Hochschulausbildung vermittele Theorie, womit später in der Praxis nichts anzufangen sei.

Dass dies ein beliebtes Argument der Kritiker eine akademischen Journalistenausbildung ist, können auch die Absolventen des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) bestätigen.

Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Vorstellung der neuen Absolventenstudie am vergangenen Mittwoch hiess es bei den Teilnehmern einstimmig: „Berufserfahrungen vor, während oder im Studium schärfen das Profil“. Denn nur mit einem Diplom in der Tasche sei es schwierig, potenzielle Arbeitgeber zu überzeugen. Sehr wichtig sei auch das Nebenfach, um sich zusätzlich zu fokussieren.

Die Studie zeigt deutlich, dass die IPMZ-Absolventen dem Journalismus den Rücken kehren. Diese Aussage ist nach der Vorstellungsrunde der Diskussionsteilnehmer, ehemalige Studentinnen und Studenten, bestätigt: Alle sind im Feld PR/Kommunikation/Marketing tätig. Während sich 2004 noch 21 Prozent aller Absolventen für eine Karriere im Journalismus entschieden, sind es laut der neuen Studie für 2009 gerade einmal 12 Prozent, was Werner Wirth, Professor am IPMZ, mit einem trockenen: „Der Journalismus verliert an Bedeutung“ resümiert.

Die Absolventen zieht es in die Bereiche PR/Kommunikation/Marketing – über 35 Prozent, sind dort tätig. Dieser Trend wird sich fortsetzen, wie die erste Erhebung unter den IPMZ-Bachelor-Absolventen zeigt.

Im Gegensatz zum IPMZ bietet das Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) der ZHAW in Winterthur eine breite Palette praktischer Ausbildungsmodule an. Doch auch am IAM schliessen regelmässig mehr Studenten in der Fachrichtung Organisationskommunikation als in derjenigen des Journalismus ab.

Andere Journalisten wechseln nach einiger Zeit die Fronten. Was bedauerlich für das System des Journalismus, aus individuellem Antrieb aber verständlich ist. Denn die Gründe für einen Job in der PR sind schnell gefunden: mehr Stellenangebote, ein höheres Gehalt, weniger Spardruck, ein geregelteres Arbeitsleben, oft attraktivere Sozialleistungen.

Trotz vieler praktischer Erfahrungen der IAM-Journalisten schauen sie mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zwar können sie alle journalistisch schreiben, viele auch noch Videos und Radiobeiträge produzieren, präsentieren und vor Publikum sprechen. Doch was bringt das alles, fragen sie sich, wenn man sich in keinem Bereich besonders gut auskennt? Ein erfolgreicher Journalist muss mehr mitbringen. Fachwissen heisst das Zauberwort. Folglich liest sich das Hauptkriterium in Stellenanzeigen in der Wirtschaftsredaktion der NZZ, sda und beim Newsnet so: „Wirtschaftsstudium und Freunde am Schreiben“. Und nicht etwa: „Journalismusstudium und Interesse an Wirtschaft“.

Während die Praxiskurse am IAM wertvoll sind und von kompetenten Coaches geleitet werden, fehlt die Schärfung des Profils. Was dazu führen kann, dass die Absolventen sich nicht genügend auf den Arbeitsmarkt vorbereitet fühlen. Das monieren Abgänger der IAM auch in einer nicht repräsentativen Befragung Absolventen.

Ob IPMZ- oder IAM-Absolvent: Wer sich vor, neben oder im Studium keine journalistische Praxiserfahrung aneignet, findet sich womöglich mit einem Bachelorabschluss in der Tasche auf einem Praktikantenstuhl in der Redaktion wieder – oder man hängt einen Masterabschluss an.

3 Gedanken zu „Mit Vollgas in die PR

  1. Andreas Herzog

    es stimmt schon, ein studium in journalismus, gerade am iam liefert sehr viele werkzeuge, man lernt die form. den inhalt muss man sich woanders holen.
    das ist nicht eine schwäche des studiengangs, sondern ganz einfach seine charakteristik. während eines wirtschaftsstudiums lernt man auch vor allem wirtschaft…
    ideal ist es wohl, schon ein anderes studium oder einschlägige berufserfahrungen gemacht zu haben und mit den werkzeuge aus dem iam diesen „rohling“ an fachwissen zu gutem journalismus zurechtzuhauen.
    etwas erschreckend hingegen ist es aber, dass trotz praxisorientiertem studium viele absolventen nach abschluss nochmals in einem journalismus-praktikum landen.

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    1. Stephan Pruss

      Danke für deinen Kommentar, Andreas.

      Was wir am IAM lernen, ist wirklich sehr praxisorientiert und hilfreich für den Job als Journalist. Das zeigt sich auch darin, wie „begehrt“ IAM-Studenten bei den Praktiumsstellen sind, sowohl im Journalismus- als auch im PR-Praktikum.

      Nach dem Studium aber über eine Stelle als Lokaljounri oder Newsdesk-Mensch hinauszukommen, wird noch einige Jahre an Arbeit, viel Energie und wohl auch nicht wenig Geld kosten.

      Sicher ist es möglich, weiterzukommen, mit einem IAM-Studium besonders, aber man muss einfach wissen, dass ein Journalismusstudium seine klaren Limits hat.

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  2. Katharina Urbahn, Co-Leiterin BA-Studiengang Kommunikation, IAM

    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Auch wir beschäftigen uns kontinuierlich mit dem Werdegang unserer AbsolventInnen und Absolventen. Hier der Link zu den Ergebnissen des IAM-Karrieretrackings: http://tiny.cc/1yuxbw

    Die Ergebnisse zeigen, dass 94 Prozent der AbsolventInnen des BA-Studiengangs Kommunikation ein Jahr nach Studienabschluss eine Stelle haben. Neben den im Studium erworbenen Kompetenzen und den Persönlichkeitsmerkmalen spielt insbesondere auch das während des Studiums geknüpfte Netzwerk (z.B. über Praktika) eine entscheidende Rolle für den erfolgreichen Berufseinstieg.
    Interessant: Auch bei unseren Studierenden sind die Präferenzen für Journalismus oder Organisationskommunikation nicht von Anfang an festgelegt und können sich im Verlauf der Ausbildung wandeln. Unmittelbar nach Studienabschluss ist die Mehrheit tatsächlich im Journalismus tätig (45 Prozent), ähnlich viele arbeiten aber in der Organisationskommunikation (39 Prozent). Ein Jahr nach Studienabschluss verschiebt sich das Verhältnis zwischen den Berufsfeldern dann zugunsten der Organisationskommunikation. 43 Prozent der AbsolventInnen sind in diesem Berufsfeld tätig, noch 37 Prozent arbeiten im Journalismus.

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