«Das Magazin» als Nestbeschmutzer?

von Laura Verbeke

Wer, wenn nicht Journalisten sind Experten in Medienthemen? Das findet man auch auf der Redaktion des Magazins vom Tages-Anzeiger. Vor allem im neuen Blog der Wochenendbeilage sind in letzter Zeit vermehrt medienkritische Töne zu hören – dabei bleibt auch das eigene Haus nicht verschont.

Am 10. März 2012 veröffentlichte Arthus Ruthishauser, Mitglied der Tages-Anzeiger-Chefredaktion und Wirtschaftsexperte, einen Artikel im Tages-Anzeiger unter dem Titel «Hummer und Wein für den Direktor». Darin beleuchtete Ruthishauser die Devisengeschäfte von Nationalbank-Direktionsmitglied Jean-Pierre Danthine und legt die recherchierten Verköstigungs-Spesen Dantines offen.

Nur einen Tag später, am 11. März 2012, kritisiert «Das Magazin»-Redaktor Daniel Binswanger in seinem Blog-Beitrag den Artikel des Tamedia-Kollegen und gibt zu verstehen, dass auf ihn der Artikel «wie aus einem satirischen Giacobbo/Müller-Sketch über Boulevard-Enthüllungsjournalismus» gewirkt habe.

Wie Binswanger, so auch Roten

Am 13. März empört sich auch «Magazin»-Journalistin Michèle Roten in ihrem Beitrag «Wie Frau sein in der Nachkriegszeit, Version 2012» auf dem Blog über den von Ev Manz verfassten Tages-Anzeiger-Artikel «Die Mama-Managerin» vom 10. März 2012. Rotens Fazit nach der Lektüre: «Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal einen solchen Quatsch gelesen habe.» Das Kommunikationsportal persoenlich.com greift die harsche Kritik unter dem Titel «Hausinterne Sticheleien gehen weiter» auf und spricht davon, dass sich Roten «wortstark» über die Beschreibung der «Mama-Managerin» als «Mutter, Partnerin und Liebhaberin» aufrege.

Nestbeschmutzung?

Mit der Kritik an die hausinterne Adresse bewegen sich Binswanger und Roten in einer heiklen Zone. Das Phänomen der «Nestbeschmutzung», einer der «blinden Flecken» des Journalismus, ist mitunter der Grund dafür, warum Journalisten sich oftmals hüten ihre Berufskollegen oder sogar das eigene Unternehmen zu kritisieren.

Auch wenn Binswanger und Roten, wie Ronnie Grob auf medienwoche.ch schreibt, nicht die ersten sind, die sich «erlauben» öffentlich Kritik an Kollegen aus der eigenen Unternehmung zu üben, trifft man diese Art von Medienkritik doch eher selten an.

Besonders der Fall Binwanger zeigt jedoch, dass die Kollegenschelte nicht unbedingt einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen muss.

Positive Stimmen

Die Reaktionen auf Binswangers Artikel waren sowohl intern als auch extern «relativ positiv», wie er auf Anfrage mitteilt. «Natürlich teilte man auf der Tages-Anzeiger-Redaktion meine Ansicht nicht, aber ich habe den entsprechenden Kollegen vorab informiert darüber, dass ich eine Kritik aufs Netz stellen würde und es hat von seiner Seite auch keine grundsätzlichen Einwände dagegen gegeben.»

Binswanger selbst übt jedoch im gleichen Atemzug Kritik an der Darstellung der Vorgänge im Branchenportal persoenlich.com: «Diese war frei erfunden, was nur schon daraus ersichtlich ist, dass der Persönlich-Journalist meine Kritik an Rutishauser völlig falsch dargestellt hat.»

Trotzdem kann sich Binswanger auch in Zukunft «gut vorstellen bei anderer Gelegenheit sich wieder kritisch über einen Tages-Anzeiger-Artikel zu äussern.» Medien seien alles andere als unfehlbar und trügen eine grosse Verantwortung – deshalb sei Kritik an denselben extrem wichtig. In Bezug auf die Kritik an Journalisten aus dem eigenen Haus meint Binswanger jedoch: «Natürlich sollte man bei hausinterner Kritik ein gewisses Augenmass wallten lassen.» Er werde sich nur dann öffentlich äussern, wenn er glaube, dass es sich um einen wirklich wichtigen Sachverhalt handle und er wirklich dezidiert anderer Meinung sei.»

Wie Daniel Binswanger erfuhr auch Michèle Roten von aussen «sehr positive» Reaktionen auf Ihren Blog-Beitrag. Dies besonders, «weil viele sich ebenfalls über die Aussagen der Porträtierten geärgert haben.» Von interner Seite habe sie nichts gehört. Einzig auf den Artikel auf der Persönlich-Webseite hätten gewisse Personen reagiert. Grund dafür war, dass dieser als «einhellig und eher absurd empfunden wurde», denn selbst die Autorin des «Mama-Managerin»-Artikels Ev Manz habe Rotens Replik nicht als Stichelei emfpunden.

Alles halb so wild

Die Angelegenheit ist also auf den zweiten Blick weniger brisant als ursprünglich angenommen. Es war in diesem Fall vor allem die Berichterstattung des Kommunikationsportals Persönlich, die das Thema aufgebauscht hat. Womit auch dieser Fall einmal mehr klarmacht: Kritik hört nie auf. Sie muss permanent und überall erfolgen.

Ein Gedanke zu „«Das Magazin» als Nestbeschmutzer?

  1. Thomas Läubli

    Medienkritik ist immer noch ein grosses Tabu. Das hat auch die Vogel-Strauss-Taktik gegenüber den Ergebnissen im Jahrbuch des fög gezeigt. Ferner ist es praktisch unmöglich, die Journalisten des TA Newsnetz mit einem Leserkommentar zu kritisieren. Obwohl die Kommentare nicht gegen die Nutzungsregeln verstossen und das Gebot der Sachlichkeit berücksichtigen, werden sie nicht publiziert. Vermutlich haben die Zensoren Anweisung von oben, eine Qualitätsdiskussion zu verhindern. Was in den Gratismedien an gezielter Desinformation und versteckter Werbung drinsteckt, ist mittlerweile unzumutbar. Ein junges & urbanes Publikum kennt jedoch nichts anderes als diesen Convenience Food und weiss nicht mehr, was guter Journalismus eigentlich ist.

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