Haben die Leser immer recht?

Von: Sara Stulz
2. April 2012

Im Online-Journalismus dienen hohe Zugriffszahlen oft als willkommene Ausrede, um sich über berufsethische Diskussionen hinwegzusetzen. Doch die Klickzahlen zeigen nicht, ob ein Artikel journalistischen Qualitätskriterien entspricht – sondern oft nur den grenzlosen Voyeurismus der Leser.

In letzter Zeit hat der Hardcore-Boulevardismus einmal mehr viele Journalisten fassungslos gemacht. In Bezug auf die gezeigten Fotos der getöteten Kinder beim Carunfall im Wallis war dazu auf Twitter auch von “Arschloch-Journalismus” die Rede. Zuletzt schockierte der “Blick” mit grusligen Handyaufnahmen eines so genannten Leserreporters. Das Amateurvideo wurde nur Minuten nach einem Autounfall in Zürich aufgenommen, bei dem ein 16-Jähriges Mädchen ums Leben gekommen ist. Anstatt den Unfallopfer zu helfen, filmt der Leserreporter den verwirrten Unfallfahrer mit der Handykamera. Auf Twitter führte dies erneut zu entrüsteten Reaktionen. So schrieb beispielsweise David Bauer, Journalist der “Tageswoche“:

Das Video entwickelte sich allerdings zum Renner – der Artikel war am Sonntagabend der meistgelesene auf blick.ch. Auch “Tele Züri” zeigt das Video in den “Zürinews” vom 25. März und interviewt den Amateurfilmer sogar noch.

Dies ist nur das neuste Beispiel für den erschreckenden Voyeurismus vieler Online-Leser. Auch am Beispiel der Gaddafi-Leiche lässt sich dieser illustrieren und wie er für das Erzielen möglichst vieler Klickzahlen gnadenlos ausgenutzt wird. Der Journalist Otto Hostettler dokumentiert in seinem Blog anhand von “Blick” und “20minuten” die Klickzahlen der schockierenden Gaddafi-Videos (Angaben Stand 21.10.2011; 16.30 Uhr).

Das sind zwei Beispiele aus vielen, die den Leser-Voyeurismus illustrieren. Neben Gewalt und Kriminalität lässt selbstverständlich auch Sex und nackte Haut die Leser regelmässig klicken. Natürlich werden diese Themen hauptsächlich vom Boulevard-Journalismus des “Blick” bedient, der meistangeklickten Schweizer Newsseite. Aber auch auf anderen Schweizer Newsportalen ist zu beobachten, dass Geschichten über Unfälle, Verbrechen oder nackte Haut zu den meistgelesenen gehören.

Viele der meistgeklickten Artikel widersprechen oft verschiedenen journalistischen Qualitätskriterien und überschreiten nicht selten ethische Grenzen. Kritisch über diesen Umstand reflektiert wird bei den Online-Portalen wenig. Die hohen Klickzahlen werden als Erfolg verbucht und als Bestätigung dafür, dass ja genau das geliefert wird, was der Leser möchte. So wird die Verantwortung auf den Konsumenten abgeschoben. Dies bestätigt die Aussage von Rolf Cavalli, Chefredaktor von” blick.ch” gegenüber “persönlich.com”.

Wir haben Freude an den Zahlen. Sie sind für uns eine Bestätigung, dass unser Journalismus gut ankommt.

Natürlich wird der Voyeurismus der Leser oft gnadenlos ausgenutzt, in dem Themen meist viel spektakulärer angeteasert werden, als sie in Wirklichkeit sind. Denn: Viele Klicks bringen auch mehr Werbung und somit mehr Geld.

Des Weiteren stellt sich die Frage, inwieweit der Leser vor sich selbst geschützt werden muss, was auch eine Aufgabe des Journalismus wäre. So sagt der Medienwissenschaftler Carsten Reinemann von der Universität München zu “news.at”, dass wir bei Bildern wie solchen vom Tod Gaddafis gar nicht anders können, als hinzuschauen.

Wenn solche Dinge passieren, können wir fast gar nicht anders, als da hinzuschauen. Solche Fotos sind einfach Dinge, die an den Kern des Menschlichen gehen, die direkt an das emotionale Zentrum in unserem Hirn wandern, und da können wir schwer raus.

Beim Kampf um die Klicks gehen im Online-Journalismus dann oft die Regeln vergessen, die sich Journalistinnen und Journalisten einmal selber auferlegt haben, meint Otto Hostettler in seinem Blog. So zum Beispiel folgender Punkt der “Erklärung der Pflichten für Journalistinnen und Journalisten”: “Die Grenzen der Berichterstattung in Text, Bild und Ton über Kriege, terroristische Akte, Unglücksfälle und Katastrophen liegen dort, wo das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen nicht respektiert werden.”

Anstatt die Klickzahlen der Leser als Rechtfertigung für die Missachtung journalistischer Grundsätze zu nutzen, wäre es an der Zeit, sich ernsthaft und selbstkritisch mit der eigenen Berichterstattung zu beschäftigen – unabhängig von den Leserzahlen.

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