„Es gibt zu wenig Medienkritik“

Der Publizist und Rechtsanwalt Peter Studer (77) findet es wichtig, dass Medien nicht nur kritisieren, sondern sich auch kritisieren lassen. Der ehemalige Presseratspräsident über „weisse Raben“, die Zukunft der Presse und warum er Social Media nicht aktiv nutzt.

von Anita Felder und Manuel Bucher

Peter Studer

Peter Studer im Interview. © Markus Bärtschi

Peter Studer, Sie waren unter anderem Chefredaktor des Tages-Anzeiger und anschliessend in gleicher Funktion beim Schweizer Fernsehen. Welche Tätigkeit würden Sie gerne nochmals ausüben?
Besonders gut gefallen hat mir das Jahrzehnt beim Schweizer Fernsehen. Ich habe die Fehler nicht mehr gemacht, die ich vorher als Chefredaktor des Tages-Anzeigers gemacht habe. Dafür natürlich andere. Viele haben sich damals gefragt, was ich beim Fernsehen überhaupt zu suchen habe. Ich war ja vorher 25 Jahre lang Zeitungsjournalist. Nach einiger Zeit hat sich dies jedoch gut eingependelt.

Sie befassen sich auch nach Ihrer Tätigkeit als Präsident des Schweizer Presserats noch intensiv mit Medienkritik. Gibt es in der Schweiz genügend Personen und Institutionen, die Medienkritik ausüben?
Es gibt in der Schweiz einige Institutionen, aber es gibt zu wenig Medienkritik. Das hat damit zu tun, dass verschiedene grössere Medienhäuser die institutionelle Medienkritik abgeschafft haben. Zu meinem Ärger auch die Tamedia. Ich habe dort in den 80er-Jahren eine wöchentliche Medienbeilage aufgebaut, die sehr gut ankam. Leider wurde sie später abgeschafft.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Beim CEO des Unternehmens hatte ich damals ein Wiedererwägungsgesuch gestellt, welches allerdings abgelehnt wurde. Die Journalisten der Medienredaktion wurden in andere Ressorts umgeteilt. Natürlich könnten sie dort theoretisch auch medienkritische Beiträge verfassen, tröstete man mich damals. Das Prestige der Medienkritik war jedoch schwach und die ehemaligen Medienredaktoren wussten, dass sie als Inland- oder Wirtschaftsjournalisten mehr erreichen konnten. Einzelne Medienbeiträge dann noch ins Blatt zu drücken, wurde schwierig. Ich bedaure das sehr.

Wer geht bezüglich institutionalisierter Medienkritik mit gutem Beispiel voran?
Es gibt die „weissen Raben“ in der Medienlandschaft. Die Medienseite der Neuen Zürcher Zeitung ist sehr gut gemacht. Rainer Stadler beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit medienkritischen Themen. Aber auch an seinen Umfängen und Mitarbeiterhonoraren wurde gespart. Immerhin kann er noch jede Woche eine ganze Seite bespielen. Der Aargauer Sonntag hat in jeder Ausgabe eine fast vollständige Seite mit Medienkritik. Kurt-Emil Merki lässt sich immer wieder Recherchethemen einfallen. Kurt W. Zimmermanns Kolumne in der Weltwoche ist sehr süffig geschrieben. Sie trifft den Punkt manchmal sehr genau, manchmal nur ungefähr. Zimmermanns starke ökonomische Komponente schätze ich sehr. Ja, der Rest ist eigentlich eher zufällig und da ist nicht sehr viel los. Ich finde es ist wichtig, dass die Medien nicht nur kritisieren, sondern sich auch kritisieren lassen. Stets habe ich für die Selbstkritik der Medien plädiert, jedoch ohne grossen Erfolg. Musterbeispiele für die Deutschschweiz sind auch die zweiwöchentliche Ombuds-Spalte „Leserforum“ von Ignaz Staub im Tages-Anzeiger sowie die selbstkritische Internet-Rubrik „Interna“ von Chefredaktor David Sieber in der Südostschweiz.

Auch in der Welt der Fachzeitschriften hat sich in den letzten Jahren einiges getan, beispielsweise die Fusion von Edito und Klartext. Wie denken Sie darüber?
Ich bin mit Philipp Cueni, dem Chefredaktor, befreundet und schreibe auch gelegentlich für sein Medium. Ich finde, er vermittelt sehr verlässliche Information. Aber Edito dürfte meiner Meinung nach noch ein bisschen pointierter werden, so wie das heute der Schweizer Journalist in seinen Interviews macht.

Was halten Sie von medienkritischen Blogs?
Ich finde diese Blogs sind eine Chance. Beachtlich sind Nick Lüthis Texte im Online-Magazin Medienwoche. Alle acht Wochen schreibe ich auf medienspiegel.ch selbst einen Beitrag und lese regelmässig, was andere dort publizieren. Und gerade vor ein paar Wochen wurde hier das Medienhaus Ringer gerüffelt: Es nehme weder die Kritik anderer Medien noch die Medienkritik des Presserates ernst. Da muss ich sagen, die Lage hat sich wirklich verschlechtert. Als ich noch Präsident des Presserats war, hat ein Mitglied der Chefredaktion jeweils dafür gesorgt, dass alle Entscheide des Presserates, die Ringier betreffen, publiziert wurden. Dass dies heute nicht mehr gilt, ist ein Armutszeugnis für das Selbstverständnis des grossen Unternehmens, welches mit seinen Produkten so viele Medieninhalte im Boulevard-Modus aufwirft.

Was sagen Sie zur Aussage von Blick– Chefredaktor Ralph Grosse-Bley als Reaktion auf die Kritik, dass Blick die Bilder der beim Car-Unfall im Wallis verstorbenen Kinder veröffentlichte: „Wir machen die Zeitung nicht für den Presserat und die Medien-Journalisten der Konkurrenz.“?
Ja hoffentlich nicht, es sitzen ja nur 21 Personen im Presserat. Aber mindestens sollten sie sich mit dem Presserat, bei dem die Boulevardblätter von Ringier sehr gute Kunden sind, auseinandersetzen. Michael Ringier beteuert ja immer wieder, dass er regelmässig mit den Journalisten über publizistische Themen diskutiere. Ich frage mich aber, was da denn genau diskutiert wird, wenn die Entscheide des Presserats offenbar nicht Gesprächsstoff bieten. Michael Ringier gibt dem Chefredaktor des Blick indirekt ja Recht und unterstützt ihn sogar. Das ist ungeheuerlich und zudem eine Verletzung des Vertragsverhältnisses zwischen den Verlegern und dem Presserat. Stellungnahmen sollten laut diesem nämlich abgedruckt werden, mindestens als kleine Meldung.

Wie könnte man denn den Presserat stärken?
Man muss solche Fälle publik machen. Auch deshalb war ich sehr erfreut über den Beitrag auf diesear Webseite.

In letzter Zeit gab es fast jede Woche einen kleineren oder grösseren medienethischen Ausrutscher. Verstossen Journalisten heute vermehrt gegen journalistische Richtlinien als früher?
Ja, zum Teil schon. Professorin Miriam Merkel, geschäftsführende Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, hat  kürzlich einen beachtlichen Artikel darüber geschrieben. Journalisten erlägen heute oft einer Neigung zum Shitstorm. Alles, was da erwiesen oder mutmasslich ein bisschen dubios laufe, werde gewaltig aufgeblasen. Es gehe um kurzlebige Aufmerksamkeit des Publikums und die Profilierung einiger Medienleute. Nachher herrsche wieder Windstille und man höre von diesem Thema wenig oder nichts mehr. Diesem Befund stimme ich zu. Ein gutes Beispiel dafür ist der Fall Hildebrand. Journalisten müssen sich dagegen besser wappnen und sich die Verhältnismässigkeit ihrer Kritik und Angriffe genauer überlegen.

Ist die Neigung zum Shitstorm ein Indiz für ungenügendes Fachwissen und sinkende Kompetenz, die den Journalisten häufig vorgeworfen wird?
Es gibt Tendenzen zu ungenügendem Fachwissen. In vielen Redaktionen wurden die Fachressorts aufgehoben. Ich muss gestehen, dass ich dies während meiner Zeit bei der Tagesschau ebenfalls getan habe. Ein Teil der 50-köpfigen Redaktion hat jeweils den ganzen Tag darauf gewartet, dass in ihrem Fachgebiet etwas passiert. Also habe ich die Personalstrategie geändert und eine Anzahl fachkundiger Redaktoren – Juristen und Ökonomen – eingestellt. Jeder berichtete von da an für jedes Ressort. Falls es für ein Thema einen Experten brauchte, war dieser meist schnell auffindbar. Das war für die Tagesschau vermutlich richtig. Ich bin natürlich dankbar, dass sich die Neue Zürcher Zeitung und der Tages-Anzeiger mit ihren grossen Textplantagen immer noch Fachredaktionen leisten, auch wenn diese durch Sparmassnahmen ausgedünnt wurden.

Wie wird die Schweizer Medienlandschaft in 20 Jahren aussehen?
Es gibt ja Experten, die behaupten, Zeitungen würden in 20 Jahren gar nicht mehr existieren, und alles werde über das Internet laufen. Ich stelle jedoch fest, dass die deutschen Qualitätszeitungen ihre Leserzahlen in etwa halten konnten. Es wird sicher eine weitere Reduktion der Leserzahlen geben. Wenn die Zeitungen aber ihre Funktion wahrnehmen und Analysen, Reportagen, Hintergrund und Kommentare pflegen, dann werden sie auch auf einem etwas tieferen Leserbestand weiterexistieren. Der Einnahmeschwund der Inserate im Printbereich wird ein grosses Problem werden. Ich habe noch Zeiten erlebt, als der Stellenanzeiger des Tages-Anzeigers zweimal wöchentlich aus 120 Seiten bestand. Heute sind es gerade mal acht Seiten, und manchmal fällt er auch ganz aus. Dies bringt erhebliche Ertragseinbussen mit sich.

Es kommen immer wieder Stimmen auf, die vom Staat eine unabhängige Stiftung zur finanziellen Unterstützung der Medien fordern. Was halten Sie von dieser Idee?
Ich bin sehr skeptisch gegenüber einer staatlichen Finanzierung der Medien. Sie kann schnell zu einer Strukturzementierung führen, die auch untüchtige Verlage am Leben erhält. Auch die Verleger haben ähnliche Anliegen immer wieder abgelehnt – aus Angst vom Staat abhängig zu werden. Ich plädiere für eine indirekte Finanzierung. Der Staat soll Medienausbildungszentren unterstützen, welche zuvor festgelegte Qualitätskriterien erfüllen. Auch die Subventionierung der Posttaxen, welche die Post immer wieder abzuschaffen versucht, ist meines Erachtens eine gute Massnahme. In den USA gibt es das Vorzeigemodell ProPublica. Ein Milliardärsehepaar finanziert eine 30-köpfige Redaktion und garantiert deren Unabhängigkeit. Diese Redaktion führt aufwendige Recherchen durch, die sich auch grosse Zeitungen nicht mehr leisten können. Die Rechercheergebnisse bieten sie dann ausgewählten Titeln an; und zwar gratis. Der Pulitzerpreis, welchen die New York Times für ihre Geschichte über den Spitalskandal nach den Überschwemmungen von New Orleans gewann, basierte auf einer Recherche von ProPublica. Die New York Times selbst hätte sich eine solch umfassende Recherche niemals leisten können. Ein solches Modell wäre auch für Medienkritik vorstellbar. Aber es wäre schwierig, Investoren zu finden, weil Medienkritik nicht den Stellenwert geniesst, den sie eigentlich haben sollte.

Journalisten diskutieren medienkritische Themen heutzutage auch intensiv auf sozialen Netzwerken. Warum mischen Sie da nicht mit?
Ich bin zwar auf Facebook registriert, habe es in meinen alten Tagen jedoch noch nicht geschafft, aktiv zu werden. Twitter ist ebenfalls ein sehr interessantes Forum. Vieles passiert dort blitzschnell und zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Wer sich diesem Medium völlig verschliesst, vergibt eine Chance – und wenn es auch nur die Informiertheit verbreitert. Ich werde mich nächstens bemühen, etwas aktiver zu werden.

Können Sie sich erklären, warum der Presserat in sozialen Netzwerken nicht aktiv ist?
Diese Kritik kann ich dem Presserat nicht ganz ersparen. Ich finde, er müsste da präsent sein. Es gibt auch im Presserat jüngere Berufsleute, die mit dem Internet aufgewachsen sind und sich dieser Sache annehmen könnten.

In der Deutschschweiz sind Sie die Referenz, wenn es um medienrechtliche und medienethische Fragen geht. Vom heutigen Presseratspräsidenten, Dominique von Burg, hört und liest man nur sehr wenig. Warum?
Ich bin ein Fossil des Deutschschweizer Medienbetriebs aller Sparten. Fast alle führenden Journalisten kamen einmal bei mir vorbei, sei es als Kollege, als Rivale, als Angestellter oder als Volontär. Dadurch bin ich relativ bekannt. Ich bekomme immer noch täglich verschiedene Anfragen und bleibe à jour. Auch im Fernsehen bin ich ein beliebter Auskunftgeber über Medienrecht/Medienethik, denn ich reklamiere nicht, wenn das Team fünf Minuten mit mir aufzeichnet und nur 35 Sekunden ausstrahlt. Schliesslich kenne ich die Produktionszwänge. In der französischen Schweiz ist Dominique von Burg jedoch weitaus bekannter, er ist ebenfalls schon lange aktiv und war unter anderem auch Chefredaktor der Tribune de Genève. Ich bedaure seine Unbekanntheit bei uns, denn er hat Wichtiges zu sagen. Er spricht akzentfrei Deutsch, sogar Schweizerdeutsch. Aber für Zürcher ist Genf halt entsetzlich weit weg.

Gibt es etwas, das sie beruflich gerne noch machen würden, aber bis jetzt nie dazu gekommen sind?
Ich mache schon das, was ich am liebsten tue. Heute schreibe ich regelmässig Aufsätze und Bücher. Von Oktober bis Februar habe ich drei Bücher mitproduziert, einige davon waren bereits vor Jahren begonnen. Auch jetzt habe ich wieder Aufträge, über denen ich in den nächsten Monaten brüten werde. Damit bin ich voll ausgefüllt. Etwas lässiger leben möchte ich in meinen alten Tagen allerdings auch.

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