„…weil ich Journalist bin“

von Andreas Engel

Seit Anfang April ist Marc Walder CEO von Ringier. Das Zürcher Medienhaus hat im letzten Jahr einen deutlichen Gewinneinbruch hinnehmen müssen. Zurück zum Erfolg will man mit einem verstärkten Engagement im Unterhaltungsbereich. Dabei wird der Verlust der journalistischen Unabhängigkeit der Ringier-Medien quasi in Kauf genommen. Der Konzernchef sieht dieses Risiko nicht.

Ringier werde in ein „integriertes Medienhaus transformiert“, sagte Walder kürzlich in einem Artikel von Edito+Klartext. In einem Bericht der Sendung „10vor10“ wird noch deutlicher erkennbar, wie der Ringier-Konzern nach einem schwierigen Jahr seinen Gewinn in Zukunft wieder steigern will. Am Beispiel des Berner Mundart-Rockers Gölä erklärt  Konzernchef Marc Walder, wie die angestrebte Rundumvermarktung funktioniert:

Die „Blick“-Gruppe begleitet den Künstler publizistisch auf all ihren Kanälen. Über die zu Ringier gehörende Konzertagentur Goodnews werden zwei Konzerte organisiert, für deren Ticketverkauf wiederum die Konzerntochter Ticketcorner verantwortlich ist. Werbung für die Events wird über die „Energy“-Radiostationen gemacht. Und damit noch nicht genug: Die Sportagentur Infront Ringier organisiert einen Klitschko-Boxkampf in Bern, an dem Gölä einen Auftritt hat. Am Schluss der Vermarktungskette überträgt der zu Ringier gehörende TV-Sender Sat.1 Schweiz exklusiv den Boxkampf in die Schweizer Wohnzimmer. So werden von der Ringier AG auf jeder der sechs Stufen Einnahmen garniert. Aber ist unter diesen Umständen eine unabhängige Berichterstattung der involvierten Zeitungs- und Radiojournalisten überhaupt noch möglich?

Im Beitrag von SF wird Walder vorgeworfen, dass er Kommerz und Journalismus vermische und es für die bei Ringier angestellten Journalisten immer schwieriger werde, noch unabhängig zu berichten. Marc Walder meint zu dieser Kritik: „Gerade weil ich Journalist bin und mich immer noch als Journalist fühle, habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht.“ Diese Argumentation heisst letztlich: Solange sich Walder als Journalist fühlt, ist das, was Ringier macht, Journalismus. Die Gefahr des Unabhängigkeitsverlusts der Ringier-Journalisten wird in seiner Begründung aussen vor gelassen.

Dem gegenüber ist die Aussage von Ringier-Verleger Michael Ringier, Walders Chef und langjähriger Freund, interessant. „Weltwoche“-Autor Kurt W. Zimmermann  zitiert ihn wiefolgt: „Für Michael Ringier ist der Journalismus das Mass der Dinge. Sein ‚Herzblut‘, so sagt er selbst, sei ’stärker bei den Inhalten als bei Struktur- oder Strategiefragen‘.“ Ausgehend von der strategischen Neuausrichtung des Ringier-Konzerns ergibt dies einen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Denn mit der neuen Strategie rückt besonders der kommerzielle Erfolg in den Vordergrund, die Unabhängigkeit der Journalisten bleibt auf der Strecke, was sich wiederum auf die Inhalte auswirkt.

Für Walder wäre aber gerade ohne diese Neuausrichtung die Unabhängigkeit der Medien gefährdet, weil man durch die Mehreinnahmen weniger auf externe Geldgeber und Werbung angewiesen sei. Ganz anders sieht die Entwicklung wiederum der Leiter des Basler „Sonntag“, Christian Mensch. Er spricht in einem Blogeintrag von einem „neu aufgestellten, voll integrierten und weitgehend publizistikfreien Promotionskonzern Ringier.“

Schön, dass der „Blick“ schon vor zwei Wochen „exklusiv“ über den Kampf berichten konnte. Gut auch, dass Wladimir Klitschko bereits in der Jubiläumsausgabe der „Schweizer Illustrierten“ im Porträt erschien. Wir freuen uns auf viele weitere „Exklusiv“-Meldungen.

Auch auf Twitter ist die Strategie mit Missmut bedacht worden:

Und in einem Leserkommentar auf medienwoche.ch steht zu lesen:

Findet denn niemand die Chruut und Rüebli „Strategie“ von Ringier höchst bedenklich? Die tun so, als wären sie Journalisten. Dabei sind ihre Zeitschriften (wobei man die eigentlich Kurzzeitbilder nennen sollte, von schlauer Schrift findet man bei Ringier nämlich nichts) nichts anderes als Kreuzwerbekanäle, auf denen man die eigenen Events, die eigenen Webplattformen wunderbar ungestört und beliebig manipulativ bewerben kann.

Die Entwicklung des Konzerns ist wenig überraschend. Wie viele Medienunternehmen hat auch die Ringier AG Schwierigkeiten, in Zeiten des Internets und daraus resultierenden sinkenden Einnahmen aus dem Zeitungs- und Druckgeschäft profitabel zu bleiben. Und so ist es zwar eine umstrittene, aber für Ringier vielleicht überlebensnotwendige Massnahme, um in Zukunft weiter zu bestehen. Doch auch Marc Walder weiss, dass letztlich „die mündigen Kunden über Erfolg und Misserfolg der neuen Strategie entscheiden.“ Ob dabei eine unabhängige Berichterstattung der Ringier-Journalisten noch möglich ist, werden die nächsten Jahre zeigen.

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