Lokalzeitungen im Netz – eine ewige Baustelle

von Michelle Akanji

Lokal und Online passen eigentlich gut zusammen. Aber offenbar nicht in der Schweiz. In manchen regionalen Medienhäusern scheint die Zeit stehen zu bleiben. Andreas Heer, Teamleiter Online beim “Landboten“ in Winterthur, über das ewige Experimentierfeld Internet.

„Was machen Regionalzeitungen im Internet falsch?“, fragte die deutsche Medienjournalistin Ulrike Langer am European Newspaper Congress 2012 Anfang Mai in Wien. Langer referierte über Erfolgsgeschichten von amerikanischen Regionalzeitungen und präsentierte fünf Leitsätze, an die sich Lokalzeitungen halten sollen:

  • Lokales immer nach vorn, die Neuigkeiten liegen vor der Tür.
  • In lokalen Datensätzen sind ungehobene Schätze zu finden.
  • Die Bindung zu den Usern fördern. Treue Fans sind mehr als “Klickvieh”.
  • Das Schlagwort “Transparenz” mit Leben erfüllen.
  • Unabhängige Publisher und Blogger zu Verbündeten machen. Sie sind überall, die Redaktion kann nicht überall sein.

Es reicht also längst nicht mehr, einfach Zeitungsartikel  auf eine Webseite  zu stellen. Eine solide Social-Media-Strategie ist Pflicht für jeden, der im Netz gelesen werden will.

Viele Schweizer Lokal- und Regionalzeitungen tun sich schwer, ein effizientes Web-Konzept zu etablieren. Die Zeitungsseiten dümpeln strategielos im Netz vor sich hin, unterscheiden sich kaum von der Printversion und bieten wenig spezifischen Nutzen. Kommt dazu, dass oft ein Grossteil des Angebots nur für die paar wenigen zahlenden Nutzer zugänglich ist, weil sich viele Regionalzeitungen für restriktive Paywall-Lösungen entschieden haben.

Haben die Schweizer Regionalzeitungen den Zeitpunkt verpasst, die Vorteile des Web richtig zu nutzen? Vergleicht man beispielsweise die Seiten des Zürcher Ober- und Unterländer oder der Zürichseezeitung mit amerikanischen Pendants wie Voice of San Diego oder Neighbors Go, fällt auf: Die US-Zeitungen geben ihrem Publikum eine Stimme. Der Leser ist Teil der Zeitung. Journalisten eröffnen den Diskurs mit einem Artikel und die Leser diskutieren anschliessend auf dem blog-ähnlichen Forum oder wenden sich direkt an den Autoren via Twitter.

Auch die Webseite des Winterthurer „Landboten“  versucht nahe bei seinen Lesern zu sein und bietet sieben Blogs wie zum Beispiel der Spielplatz-Blog für Eltern, ein Blog über Nachhaltigkeit oder der Polit-Blog, wo die Politiker der Stadt Klartext reden. Doch das Angebot ist wenig bekannt. Wieso? Die Lokalzeitung im Netz steht unter Druck – innovative Online-Konzepte und eine alteingesessene, traditionsbewusste Leserschaft treffen aufeinander. Andreas Heer, Teamleiter der Web-Redaktion beim Landboten sprach über die ewige Baustelle „Lokal und Online“.

Der Landbote bietet ein Polit-Blog, auf dem Stadtpolitiker ihre Meinung öffentlich kundtun können und auf dem jeder mitdiskutieren kann – wieso wird dieses Angebot nicht besser genutzt?

Andreas Heer, Teamleiter der Web-Redaktion beim Landboten

Fakt ist, wir haben zu wenig Leser im Netz, damit sich eine Eigendynamik entwickelt. Als Faustregel kann man nehmen, dass rund ein Promille der Leser einen Kommentar hinterlässt. Uns besuchen täglich rund 2500 Leser, das heisst 2 bis 3 Kommentare pro Tag.

Könnte die Partizipation der Leser durch eine stärkere Vernetzung von Landbote Online mit Social Media gesteigert werden?

Dies wäre sicher ein Weg, die Teilnahme am Diskurs zu fördern. Uns fehlt aber eine institutionalisierte Social Media-Strategie. Wir überlegen uns momentan, wie wir unsere Facebook-Seite attraktiver machen können und auf diesem Weg mehr Abonnenten für die Online- und die Printversion generieren können.

Wenn die Leser den Online-Bereich selbst aktiv mitgestalten könnten, würde dies die Attraktivität  steigern?

Wir rufen die Leser nicht dazu auf, sich als Leserreporter zu beteiligen. Dafür haben wir mit Blick und 20 Minuten Online eine zu mächtige Konkurrenz. Mir scheint generell das Einbeziehen von externen Reportern etwas schwierig. Mehr als ein Foto gibt es selten. Trotzdem sind wir auf die Leute von „draussen“ angewiesen, denn die liefern die guten Geschichten.

Wir sind auf die Leute von draussen angewiesen.

Dies wäre doch eine gute Gelegenheit, sich von der starken Konkurrenz abzuheben. Schliesslich geniesst der Landbote eine starke Lesertreue in der Region Winterthur.

Ja, es wäre ein Erfolgsrezept. Doch dazu benötigen Landbote Online und die Leser eine engere Beziehung, als dies heute noch der Fall ist.

Wo hat eine Lokalzeitung online sonst noch Potenzial?

Eine Online-Seite einer Lokalzeitung kann grundsätzlich zwischen zwei Strategien wählen: Entweder hängt sie sich einer grossen Zeitung an, wie beispielsweise dem Newsnet von Tamedia, oder man deckt eine Nische ab. Wir verfolgen die zweite Variante. Uns ist bewusst, dass wir in Bezug auf Aktualität und Themenvielfalt nicht mit Grössen wie 20 Minuten Online mithalten können. Deshalb thematisieren wir Bereiche, die von anderen wenig beachtet werden – die regionalen und lokalen Geschichten stehen bei uns an erster Stelle. Sucht man auf Newsnet die guten Storys von Winterthur, sind es oft jene, die den Landboten zitieren. Ich sehe dies als unsere Stärke. Ob dies wirtschaftlich effizient ist, wird sich zeigen. Gute Geschäftsmodelle für Online-Zeitungen sind generell rar. Momentan sind wir noch immer am experimentieren und Kaffeesatzlesen.

Momentan sind wir am Kaffeesatz lesen.

Apropos Geschäftsmodell, nur wer ein Zeitungsabonnement vom Landboten  hat, kann auf den gesamten Online-Bereich zugreifen. Inwiefern ist das wirtschaftlich?

Im ersten halben Jahr nach dem Launch von Landbote Online waren alle Artikel frei zugänglich. Danach wurde entschieden, dass Leser, die kein Abo haben, nur auf die von der Onlineredaktion aufbereiteten Texte und die Agenturmeldungen zugreifen können und nicht auf digitalisierte Artikel der Printausgabe. Im Vergleich zum ersten Halbjahr wirft das neue Konzept mehr Geld ab. Laut Google Analytics haben sich von rund 33’000 Abonnenten 8’500 online registriert, Tendenz steigend. Aber etwa drei Viertel aller Besucher sind Nicht-Abonnenten. Von ihnen finden fast die Hälfte den Weg zu uns via Google News. Das heisst, wir können mit unserem Online-Angebot eine andere Leserschaft erreichen, als mit der Printausgabe.

Ich welchen Bereichen verbessert sich Landbote Online in der Zukunft?

Im Moment diskutieren wir beispielsweise Möglichkeiten wie E-Books, um den Abonnenten einen Mehrwert zu bieten. Als zweites muss sich unser Auftritt optisch verändern, da die Seite zu wenig leserfreundlich ist. Das heisst, der Aufbau der Artikel ist unruhig, und es sind zu viele Texte auf einmal sichtbar. Das Konzept unserer Seite ist speziell, da mit einem Regler ein Themenmix erzeugt wird. Das heisst, für jeden Leser werden individuell Artikel zu Themen aus der Umgebung zusammengestellt. In der Kommunikationsbranche kommt dies sehr gut an, bei den Lesern ist das Feedback eher ernüchternd. Deshalb müssen wir diesen Ansatz nochmals überdenken. Überhaupt sind online Medien eine permanente Baustelle. Früher sagte man, die Onlinezeitung würde die lokale Printzeitung kannibalisieren. Man hatte Angst, einen Primeur zu früh ins Netz zu stellen, weil ihn die Konkurrenz übernehmen könnte. Heute beschäftigen uns ganz andere Probleme wie ein geeignetes Tool, um das Lesen möglichst persönlich zu gestalten oder eine Strategie, um auf einer Social Media-Plattform möglichst viele virtuelle Freunde zu finden.

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