Weltwoche im Fadenkreuz der Kritik

von Gordon Müller

Die Empörungswelle wegen des Roma-Titelbildes der Weltwoche schwappte über ganz Europa. In Deutschland, Österreich, aber auch hierzulande sind Strafklagen gegen die Zeitschrift eingegangen. Medienkritisch betrachtet ist das womöglich einer der interessantesten Fälle dieses Jahres.

Am 5. April 2012 veröffentlichte die Weltwoche die Ausgabe mit dem symbolisch aufgeladenen, provokativen Titelbild, das einen kleinen Roma-Jungen zeigt, der eine Pistole auf den Fotografen richtet. Der Bub macht einen ungepflegten und in gewissem Masse auch mitleiderregenden Eindruck. Erst später stellte sich heraus, dass die abgebildete Schusswaffe eine so genannte Softair Gun darstellt – eine relativ harmlose Luftdruckpistole. Auch erst später bekannt wurde die Tatsache, dass es sich bei dem Ort des Geschehens um eine Siedlung am Rand der Stadt Gjakova im Kosovo handelt. Das Bild wurde somit aus seinem ursprünglichen Kontext herausgerissen und in einen neuen eingebettet. Auf dem Cover der Wochenzeitung illustriert es den durchaus existierenden Missstand der Roma-Kinder, deren Alltag von Kriminalität und Armut geprägt ist. Zusammen mit dem Titel darunter „Die Roma kommen – Raubzüge in die Schweiz“ suggeriert die Fotografie jedoch, dass das Abgebildete in der Schweiz stattgefunden hat. Dem ist aber nicht so. Der italienische Fotograf Livio Mancini hatte den verwahrlosten Roma-Jungen 2008 auf einer Mülldeponie im Kosovo abgelichtet. Diverse Sonntagszeitungen und andere Mediengefässe berichteten über die Entstehung des Bildes.

Das fragwürdige WELTWOCHE-Cover

Das fragwürdige WELTWOCHE-Cover

Ursprung der Kritik in Österreich

Das Cover mit dem bewaffneten Roma-Kind hatte sofort zu Empörung und heftigen Reaktionen geführt und polarisierte grenzübergreifend. Die Diskussion ins Rollen gebracht hat der Wiener Journalist Klaus Kamolz. Kurz nach der Veröffentlichung verzeigte er den Weltwoche-Verleger und Chefredaktor Roger Köppel wegen Verhetzung. Ein weiterer Publizist aus Österreich verlangte in seinem Blog gar von der EU, Köppel als kriminellen Ausländer mit einem Einreiseverbot zu belegen. Besonders hart und diffamierend ging die in Zürich lebende Schriftstellerin Sibylle Berg mit der Weltwoche ins Gericht, indem sie diese mit dem nationalsozialistischen Propagandablatt „Stürmer“ verglich. Verschiedene Schweizer Medien wie der „Tages-Anzeiger„, „Der Bund“ oder die „Tagesschau“ berichteten über die Vorfälle.

Die in Österreich entflammte Debatte und den damit verbundenen Sturm der Entrüstung führte wiederum in der Schweiz dazu, dass lokale Medienkritiker begannen, sich mit dem brisanten Thema auseinanderzusetzen. Beteiligt waren unter anderem der „KleinReport“ und „persoenlich.com„. Aber auch in Deutschland wurde der Thematik einen hohen Stellenwert beigemessen. Die WELT veröffentlichte Online einen äusserst ausführlichen Artikel über die chronologischen Ereignisse. Die Tagesschau der ARD zitierte den Medienrechtler und Ex-Präsidenten des Schweizer Presserates, Peter Studer, der die Wahl des Bildes zwar verurteilte, die Textbeiträge hingegen gegenüber Radio 1 als gut dokumentiert und ausgezeichnet lobte.

Stellungnahme von Seiten der Weltwoche

Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der WELTWOCHE (Zeichnung aus dem Editorial)

Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der WELTWOCHE (Zeichnung aus dem Editorial)

Die Verantwortlichen bei der Weltwoche verstanden die Aufregung nicht, die wenige Tage nach der Roma-Ausgabe entstanden war. Gemäss dem Tages-Anzeiger nahm der stellvertretende Chefredaktor Philipp Gut gegenüber der SonntagsZeitung Stellung zu den harschen Vorwürfen. Und eine Woche nach der Veröffentlichung des für Gesprächsstoff sorgenden Bildes widmete die darauffolgende Nummer 15 der Wochenzeitung dem diskursträchtigen Thema drei Seiten. Ein Artikel von Philipp Gut, der eine ernsthafte Diskussion der wahren Missstände forderte und ein Interview mit Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Zudem äusserte sich auch Roger Köppel, der Chefredaktor, persönlich zu der Thematik, zu Beginn im Editorial. Auch auf der Website der Weltwoche erklärte Gut den Sachverhalt und begründete die Wahl der Fotografie.

„Den Nazi-Vergleich finde ich unerhört“

Köppel wurde in der SonntagsZeitung vom 15. April als Kampfintellektueller bezeichnet, der es liebt, wenn die gesamte Mainstream-Presse gegen ihn und seine Weltwoche schiesst. Die Realität sieht jedoch anders aus. In einem offenen Brief an Sibylle Berg bat er die deutsche Autorin, ihre Vorwürfe und unsäglichen Gleichsetzungen zurückzunehmen, da sie auf einen bereits im Vorfeld verfassten, privaten Brief nicht geantwortet hatte. Der Stürmer-Vorwurf traf den Medienunternehmer schwer. Auf meine Frage, ob er sich mit der Veröffentlichung des Roma-Jungen ein gewisses Mass an Provokation erhofft und wenn ja, mit derart schwerwiegenden Anschuldigungen und Reaktionen gerechnet habe, antwortete Köppel: „Provokation ist ein geeignetes Mittel um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe mir gewünscht, dass eine Debatte um das von den Medien bis anhin vernachlässigte oder relativierte Roma-Problem entsteht. Dass aber solche despektierlichen Vergleiche gemacht werden, finde ich unerhört und hat mich zutiefst verletzt.“

Weitere Beteiligte

Nebst dem Wiener Journalisten, dem Fotografen und sogar dem Vater des abgebildeten Roma-Jungen, die es allesamt erwägen Anzeige zu erstatten, beteiligten sich auch politische Akteure am Medienzirkus. So zum Beispiel die Jungpartei der Grünen, die sich in einem offenen Brief an Roger Köppel wendete und das Bild vehement verurteilte. Somit schaltete sich auch die Anti-Rassismus-Kommission (EKR) in das Geschehen ein anhand einer Prüfung des Weltwoche-Artikels. Die Präsidentin des EKR versicherte aber im bereits erwähnten Interview mit der Wochenzeitung, dass keine Anti-Weltwoche-Kampagne gestartet werde und dass sie die Berichterstattung über die Roma an sich in Ordnung fände. Das Bild sei auf dem Cover einer Schweizer Zeitschrift jedoch völlig fehl am Platz.
Die Gunst der Stunde hatten auch entwicklungspolitische Hilfswerke wie Terre des hommes und Caritas genutzt, um in dem Tohuwabohu um das Roma-Bild auf ihre Projekte aufmerksam zu machen.
Ausserdem ging in unserem nördlichen Nachbarland eine weitere Strafanzeige ein. Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma reichte diese am 11. April ein. Der Zentralratvorsitzende Romani Rose unterstützte die geäusserten Ansichten und Nazi-Vergleiche von Schriftstellerin Sibylle Berg.

Kontext des Bildes

Wie bereits zu Beginn erwähnt, mag es wohl fragwürdig sein, ein Bild aus seinem Kontext zu entfernen und es mit der Einbettung in einen völlig anderen Kontext sinnentfremdend darzustellen. Diese Meinung vertrat auch die Bildagentur laif , die sich darüber echauffierte, dass das Foto aus einer Reportage („The Garbage Gang„) ihres Fotografen Livio Mancini sinnentstellend und wahrheitsverändernd verwendet worden sei. Die Aussage des Bildes sei ins Gegenteil verkehrt und als Illustration für einen Artikel missbraucht worden. Laif forderte die Fotoredaktionen auf, Bilder ausschliesslich in dem Kontext zu verwenden, in dem sie entstanden sind. Die Weltwoche wiederum wies diesen Vorwurf der missbräuchlichen Zwecksentfremdung umgehend zurück und beteuerte, der Kauf des Bildes sei von A bis Z korrekt abgelaufen.

Skandalträchtig: Demi Moore auf dem Cover der Vanity Fair, 1991

Skandalträchtig: Demi Moore auf dem Cover der Vanity Fair, 1991

In der Ausgabe vom 19. April wurde die nicht enden wollende Angelegenheit erneut aufgegriffen. Kurt W. Zimmermann erläuterte in seinem Artikel „Darf man das?“ die Kunst der maximalen Reduktion eines redaktionellen Inhaltes anhand des Titelbildes und die damit verbundene Provokation. Der Bezug zum 1991 erschienenen Vanity Fair-Cover, welches Demi Moore splitternackt und hochgradig schwanger zierte, scheint ein wenig weit hergeholt, versucht aber den Skandal von damals mit dem heutigen zu vergleichen und aufzuzeigen, welche Reaktionen Bilder in einem expliziten medialen Zusammenhang mit einem heiklen und verpönten Thema auslösen können.

In einem weiteren Text informierte der Redaktor Kari Kälin darüber, dass die Gewalt- und Deliktbereitschaft von Roma-Banden von Seiten der Weltwoche sogar verharmlost wurden. Wieder wurde, wie schon im Originalbeitrag der Roma-Cover-Ausgabe vom Gründonnerstag, sachlich, nüchtern und fundiert berichtet. Den zitierten Polizisten hatte man Anonymität zugesichert. Im Originalbeitrag hingegen wurden die Fakten von Ordnungshüter-Quellen namentlich unterstrichen. Dabei kamen vorwiegend Sprecher diverser Schweizer Kantonspolizei-Stellen zu Wort.

Kritische Diskussion wegen kritischem Bild

Ob nun simple Provokation zwecks Aufmerksamkeit, Kontextverdrehung oder gar Rassismus – Fakt ist, das Roma-Problem hat seit dem aussagekräftigen Weltwoche-Cover an Interesse zugenommen und geniesst mittlerweile mehr mediale und öffentliche Aufmerksamkeit. Dennoch wurde hauptsächlich über das Cover-Bild diskutiert und nicht in erster Linie über die Kriminalität der Roma-Kinder. Bernhard Odenhal, Osteuropa-Korrespondent des Tages-Anzeigers, beschreibt das Roma-Phänomen in seinem Kommentar wie folgt: „Man kann es ganz nüchtern sehen. Nicht zur rassistischen Verallgemeinerung aufbauschen, wie die Weltwoche. Aber auch nicht leugnen, wie manche NGO: Kinder kommen aus dem Osten Europas in den Westen, um hier zu betteln, zu stehlen oder sich zu prostituieren. Und sie kommen nicht freiwillig. (…) Sie sind Roma.“
Der Fall Weltwoche hat medienkritisch und rechtlich betrachtet einige Zeit für Schlagzeilen gesorgt. Womöglich versanden jedoch die meisten der Anzeigen gegen die Köppel’sche Zeitung. Und auch die Beschwerde, die beim Presserat eingereicht wurde, wird vermutlich, wie so oft, keine allzu grossen Konsequenzen mit sich bringen. Dank dem Aufdecken der Identität des Roma-Jungen hat die Schweizer Presselandschaft noch ein wenig über ihn und seine arme Familie berichten können, nun aber ist das Thema ausgelutscht und wird spätestens zusammen mit den Strafanzeigen gänzlich sterben.
Politisch rein neutral betrachtend und etwaige rassistische und pauschalisierende Vorwürfe dahinstellend, bleibt eigentlich nur noch der Weltwoche anzurechnen, dass sie diese hochrelevante Thematik journalistisch aufgenommen hat. Obwohl Köppel & Co. mitnichten die Ersten waren, die diesen Sachverhalt medial salonfähig gemacht haben. Der Tabubruch ihrerseits fand vorwiegend durch ein kritisches Bild statt. Und mit diesem wurde eine kritische Diskussion ins Rollen gebracht. Wenn auch nur auf medienkritischer Ebene.

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