„Man lobt den Kollegen nicht unbedingt“

von Nena Weibel und Melanie Staub (Bilder: Philippe Neidhart)

Philipp Cueni ist Chefredaktor des Magazins „Edito + Klartext“. Sechs Mal pro Jahr wird darin die Schweizer Medienszene unter die Lupe genommen. Der Basler Medienjournalist wünscht sich für die Schweiz mehr Kritik, Debatte und Transparenz unter den und über die Medien.

Herr Cueni, können Sie noch in Ruhe Zeitung lesen oder ist immer Ihr hochgehaltener Zeigefinger mit dabei?
Philipp Cueni: In erster Linie bin ich ein normaler Zeitungskonsument, weil ich das Thema interessant finde, weil mich ein Thema, zum Beispiel Sport, unterhält. Aber im Hintergrund ist immer wieder der Gedanke: Da wäre doch noch etwas, wo man medienkritisch einhaken könnte. Der Notizstift ist also schon dabei, das stimmt.

Man könnte Sie auch als Levitenleser bezeichnen. Sind Sie selbst denn kritikfähig?
Ich hoffe es. Man müsste andere fragen, ob ich das bin. Aber Levitenleser fände ich ganz schlecht, weil es der falsche Ansatz wäre. Es gibt niemanden, der besser ist als die andern oder genau weiss, wie es laufen muss. Warum soll mir jemand mehr glauben als anderen? Nein ich denke, wir erlauben und behalten uns lediglich vor, gewisse Dinge zu kommentieren, eine Meinung zu haben. Aber Besserwisser kommen auf die Dauer nicht gut an und das sind wir auch nicht. Wichtig ist die Debatte, nicht das Belehren.

Wie steht es um die Schweizer Medienkritik im internationalen Vergleich?
In Deutschland und Österreich gibt es auch im Fernsehen und im Radio Sendungen über Medien. Beim NDR, zum Beispiel die Sendung Zapp, die tut gemacht ist, frech und ohne Scheu auch ARD oder ZDF sehr kritisch angeht. Beim ORF der Club, den sie regelmässig zu Medienthemen machen und wo man auch Themen des ORF selbstkritisch diskutiert. Das findet bei uns nicht statt. Die SRG hat hier ein Defizit, sie hat Angst, Medienthemen zu behandeln, weil sie nicht als Kritiker der anderen Medien gelten will. Und Selbstkritik macht sie auch nicht.

Wie sieht es im Print-Bereich aus?
Im Printbereich gibt es eigentlich keine grossen Unterschiede. Ausser, dass Medienmagazine aus Deutschland fünf Mal so dick sind wie unsere und auch öfter erscheinen. Aber das liegt am Markt, der grösser ist. Von der Arbeitsweise her würde ich sagen, sind wir ungefähr gleich.

In der letzten Ausgabe des Edito haben Sie im Editorial geschrieben, dass die Medienkritik wieder vermehrt eine Debatte auslöst. Bleibt es bei dieser oder folgen auch Taten?
Wichtig ist zunächst einmal, dass gegenüber dem Publikum Transparenz hergestellt wird über Problemfelder, über Schwierigkeiten und über Fehler im Journalismus und Mediensystem. Dass dann daraus Konsequenzen gezogen werden müssten, auch innerhalb der Medienbranche, ist absolut richtig. Ich denke schon, dass Mediendebatten nicht einfach nur Blabla sind sondern Auswirkungen haben können. Das konnte man gerade beobachten bei der Kritik über die Berichterstattung zum Carunglück im Wallis. Vor allem auch im Umgang mit Opferbildern und mit Angehörigen. Das führte bei etlichen Redaktionen und dem Publikum zu einer Sensibilisierung und einer Schärfung der Kriterien, was zulässig ist und was nicht.

Sie befürworten auch, dass die Medienkritik eine bessere Stellung haben sollte in den Tages- und Wochenzeitungen.
Die Medienkritik, die öffentliche Reflexion über die eigene Arbeit, die Selbstkritik müsste eigentlich Bestandteil der normalen alltäglichen Medienarbeit sein. Als Redaktion so zu tun als wäre man immer souverän, sicher und der Beste, kommt beim Leser nicht gut an.

Wird es durch die Medienkonzentration der letzten Jahre schwieriger sich gegenseitig zu kritisieren?
Je weniger Titel es gibt, desto weniger wird gegenseitig beobachtet und kritisiert. Ob es früher besser gemacht worden ist, das müsste man analysieren. Das andere Problem ist, dass auch die Besitzverhältnisse konzentrierter sind. Bei den drei bis vier grossen Medienhäuser in der Schweiz besteht die Gefahr, dass im Sinne eines Konzerndenkens der eine Titel, nicht unbedingt einen anderen, der zum gleichen Konzern gehört, angreift. Es wäre wichtig, dass innerhalb der grossen Medienhäuser Medienkritik an eigenen Titeln und Redaktionen erlaubt ist und stattfindet. Sonst haben wir in Zukunft ein Qualitätsproblem bei der Medienkritik.

Hat die Zusammenlegung von Edito und Klartext nicht auch eine Verringerung der Vielfalt auf der Ebene der Medienkritik zur Folge?
Das stimmt irgendwie schon. Das andere ist, dass mit der Fusion in der Westschweiz das erste Medienmagazin gegründet werden konnte. Was auch hinsichtlich der speziellen Marktsituation in der Schweiz wichtig ist. Früher gab es Edito, Klartext, den Schweizer Journalisten und ein paar andere, die ebenfalls Medienkritik gemacht haben, allerdings mit anderen Schwerpunkten. Die Frage ist, ob in diesem kleinen Raum, der Deutschschweiz, für drei ähnliche Magazine genügend Interessenten vorhanden sind? Und wir müssen das ja irgendwie finanzieren. Zusätzlich braucht es auch journalistische Ressourcen, um gute Medienkritik zu leisten. Aber so viele gute Medienjournalistinnen und -journalisten gibt es gar nicht, weil es kaum Publikationsmöglichkeiten gibt. Deswegen kann eine Konzentration der Mittel und Ressourcen auch dazu führen, dass man vertieft arbeiten kann.

Trotzdem gab es beim Zusammenschluss Stimmen, die sagten, dass das „Klartext“ kritischer gewesen sei. Hatte das einen Einfluss auf die Redaktion, oder wie gingen Sie mit solcher Kritik um?

Was heist „kritischer“? Wir kritisieren nicht einfach prinzipiell, wir versuchen eine kritische Haltung zu haben. Medienkritik heisst ja nicht einfach, die anderen zu kritisieren. Wir haben auch die Aufgabe, Hintergrund zu liefern, die Entwicklungen zu erklären und fassbar zu machen, Transparenz herzustellen, über das Handwerk zu berichten, und vieles mehr. Dass wir durch das Zusammenlegen an Kritikschärfe verloren haben, denke ich nicht. Der alte Klartext war in seiner Gründungszeit etwas ganz Neues für die Schweiz, für die Medienbranche. Es gab eine freche, junge, aufmüpfige Szene, die den Klartext dazu benutzte, hart zu kritisieren, Internas aus Redaktionen und Medienhäuser öffentlich zu machen. Das war gut und spannend. Aber es gab ein Probleme: All diese Texte hatten nie einen genannten Informanten. Auf die Dauer ging das nicht, weil man nicht immer sicher war und kaum kontrollieren konnte, ob die Geschichten wahr waren. Kritischer gleich besser ist falsch. Eine Haltung wie „der Journalismus ist schlecht“ wäre blödsinnig. Aber es gibt natürlich auch blinde Flecken im Medienjournalismus: einmal deshalb, weil die Medienszene eng miteinander verbunden ist und man nicht gerne Kollegen kritisiert. Und es besteht die Gefahr, dass man mit der Zeit vielleicht etwas zu gemässigt wird, zu konstruktiv.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit zwischen der deutschsprachigen und dem französischen Edito + Klartext?
Das ist ein grosses Thema bei uns. Denn von Seiten der Herausgeber bestand der Wunsch, dass man möglichst eng kooperiert. Der Anspruch, den Röstigraben auch im Medienbereich zu überwinden, und vermehrt über die andere Region zu schreiben, – das klingt alles gut und recht. Die Idee war denn auch, einen grösseren Teil von Texten übersetzt in beiden Ausgaben zu haben. Es ist aber meiner Beobachtung nach so, dass die Kulturen und Interessen in den einzelnen Sprachregionen sehr unterschiedlich sind, dass jeweils andere Themen „nahe“ sind. Deshalb  ist unsere Themenwahl für die beiden Ausgaben unterschiedlich. Wir überlegen allerdings immer wieder, welche Aspekte der Westschweiz betroffen sind und diese bereiten wir dann speziell auf. Und bei wirklich grossen gemeinsamen Themen, machen wir so viel wie möglich zusammen.

Arbeiten Sie immer mit denselben freien Journalisten oder kommen auch neue Leute auf Sie zu?
Wir wünschen uns mehr Journalisten, die sich mit Medienthemen befassen und die für uns schreiben würden. Es gibt einige wenige spezialisierte Freie. Und wir müssen schauen, dass wir nicht Leute beauftragen, die von ihrer Arbeitssituation thematisch befangen sind.

Sie sind selbst Basler. Wie beurteilen Sie die Unabhängigkeit der Basler Zeitung?
Seit dem letztem Winter ist bekannt wem die BaZ gehört, wer da die Finger drin hatte oder immer noch hat und dass es auch ein politisch orientiertes Projekt ist. Gut, dass das bekannt ist. Es ist allerdings nicht gut, dass eine regional starke Zeitung auch ein politisches Mandat hat. Meiner Auffassung nach sollten Zeitungen mit einer regional derart dominanten Stellung von einer breiten Trägerschaft abgestützt sein und auch eine breite Forumsausrichtung haben. Die BaZ behauptet zwar, das würde sie machen, aber es gibt trotzdem diese sehr klare politisch einseitige Linie und diesen politischen Einfluss. Es ist anzunehmen, dass durch den belegten engen Austausch des Chefredakteurs Somm mit Christoph Blocher auch ein Stück Blocher in die Redaktion einfliesst. Das ist schwierig und unbefriedigend. Man darf aber nicht jedem Journalisten der Basler Zeitung unterstellen, sie seien Befehlsempfänger und würden das schreiben, was Blocher oder Somm will. Ich glaube, das wäre zu kurz gefasst und zu schwarz-weiss. Nicht jeder Artikel in der BaZ ist gefärbt, überhaupt nicht. Es hat gute Texte, die könnten auch in einer anderen Zeitung stehen. Aber es gibt diese politische Tendenz. Es wird interessant sein, wie sich das weiterentwickelt.

Ein Thema, über das Sie schon viel geschrieben haben. Welche Reaktion erhalten Sie auf Ihre Artikel?
Enttäuschend wenig, oder relativ wenig. Bei zufälligen Begegnungen erhalten wir mündlich immer wieder Reaktionen, auch von Leuten, die wir nicht kennen. Und indirekt können wir in etwa ablesen, dass wir gut gelesen werden. Ich habe es über viele Jahre lernen müssen: Journalisten schwatzen gerne und kritisieren viel. Aber man reagiert nicht auf Medienkritik. Man wird selbst nicht gerne kritisiert. Und man lobt den Kollegen nicht unbedingt.

Ein Gedanke zu „„Man lobt den Kollegen nicht unbedingt“

  1. Christof Ammann

    Es ist anzunehmen, dass durch den belegten engen Austausch des Chefredakteurs Somm mit Christoph Blocher auch ein Stück Blocher in die Redaktion einfliesst. Das ist schwierig und unbefriedigend … man darf aber nicht jedem Journalisten der Basler Zeitung unterstellen, sie seien Befehlsempfänger von Blocher und/oder Somm …
    Ist es nun anzunehmen oder ist es belegt? Belegt ist, dass die NZZ Somm gerne gehabt hätte, was belegt, dass er wie auch die anderen Journalisten der BaZ keine Befehlsempfänger Blochers sind, sondern professionellen Journalismus machen. So einfach ist das und befriedigend. Dem grössten Teil der Medienschaffenden bleibt nur das Träumen von den journalistischen Freiheiten der BaZ-Mitarbeiter.

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