Wovon sprechen wir eigentlich?

von Dinah Brunner

„Medienkritik“ findet sich als Begriff in keinem Wörterbuch. Zwar gibt es wissenschaftliche Definitionen, aber im praktischen Alltag kursieren unterschiedliche Vorstellungen von Medienkritik. Wie stark unterscheiden sich die Definitionen? Und spielt das für die journalistische Arbeit überhaupt eine Rolle? Antworten von Schweizer Medienschaffenden.

„Medienkritik ist ein ständiger Austausch von Argumenten und Meinungen zu den vielfältigen Themen des Mediensystems.“ So lautet die weitgefasste Definition des Vereins Medienkritik Schweiz. Medienkritik verbindlich zu definieren fällt schwer. So auch den Medienschaffenden, die gefragt wurden: „Was ist eigentlich Medienkritik?“

David Sieber, Chefredaktor von Die Südostschweiz, versucht es so: „Medienkritik ist alles, was sich einigermassen differenziert mit Medienprodukten und -inhalten auseinandersetzt.“ Die Urheber der Kritik sind für ihn zweitrangig. Stimmen aus der Branche und Forschung seien ebenso wichtig wie Stimmen von den Lesern, von Parteien, Firmen oder Verbänden. „Ich nehme alle Voten ernst, wenn sie sich nicht beschränken auf Aussagen à la ‚ihr bringt zu wenig über Pferde'“.

Einer Kritik, die rein auf dem Nicht-Erfülltsein von persönlichen Bedürfnissen aufbaut, fehlt es an fundierten Argumenten. Bei der Medienkritik sind vor allem Analysen wichtig, welche die Rahmenbedingung nicht ausser Acht lassen. „Gar nix bringt es, wenn ein Professor die Anzahl Auslandsartikel auf den Frontseiten ausgewählter Zeitungen zählt, um daraus auf die Qualität zu schliessen“, findet David Sieber.

Medienkritik setzt Qualitätsverständnis voraus

„Medienkritik sollte das Sensorium für gute journalistische Arbeit schärfen und schlechte benennen sowie analysieren, um daraus zu lernen.“, definiert Dominique Strebel, Redaktor Beobachter und zukünftiger Co-Studienleiter am MAZ. Worauf sich wiederum die Frage stellt, wie gute, beziehungsweise schlechte journalistische Arbeit zu definieren ist. Welches Verständnis von Qualität hat der jeweilige Kritiker? Auch dafür gibt es kein Universal-Handbuch.

Für Roger Blum, Präsident der unabhängigen Beschwerdeinstanz UBI, ist Medienkritik schlussendlich mehr als nur die Kritik an der Qualität der journalistischen Arbeit selbst – also an journalistischen Produkten: „Medienkritik ist die kritische Auseinandersetzung mit der Verfassung, Organisation, Finanzierung, dem Verhalten, den Inhalten und den Wirkungen der Medien durch Medien selber, durch Institutionen, wie Presserat, UBI, Ombudsleute, durch Publikums- und Rundfunkräte, durch Berufsverbände und spezifische medienkritische Publikumsorganisationen und durch die Wissenschaft.“

Medienkritik auf der Metaebene

Auch Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der „Schaffhauser Nachrichten“, schliesst sich einem breiten Begriff von Medienkritik an: „ Als Verleger und Chefredaktor ist jede inhaltliche Auseinandersetzung mit unserer Arbeit spannend. Weit interessanter aber ist die Diskussion über die Rolle und Funktion der Medien im Wandel der Zeiten und Gesellschaftsformen.“

Eine Auseinandersetzung mit den Medien auf der sogenannten Metaebene ist für die meisten angesprochenen Medienschaffenden von grosser Bedeutung. Gerade im digitalen Zeitalter, in dem die Medien immer mehr unter wirtschaftlichem und technologischem Druck stehen, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der vierten Gewalt wichtig, findet Thom Nagy, Projektleiter Social Media NZZ Online. „Die Strategien im Umgang mit diesem Druck fallen sehr unterschiedlich aus, das gilt es kritisch zu beleuchten und in einen grösseren Zusammenhang zu bringen.“

Nicht alles was Medien kritisiert, ist Medienkritik

Medien und Medienschaffende werden vielfältig kritisiert. Mal die Lippenstiftfarbe einer Moderatorin, mal eine fragwürdige Quelle, mal versteckte Werbung und mal ein fehlender Buchstabe. Gilt dies alles als Medienkritik? „Nicht zur Medienkritik würde ich Blog-Einträge und Wortmeldungen in Social Media zählen, die spitzfindig auf Schreibfehler aufmerksam machen“, so Nagy. „Das ist zwar durchaus unterhaltsam, hilft mitunter auch der formalen Qualität, trägt aber nicht wirklich zu einem grösseren Erkenntnisgewinn bei. Ausser vielleicht dem, dass Journalisten auch nur Menschen sind.“

Auch Michèle Binswanger, Schweizer Journalistin des Jahres 2010, sieht nicht jede Kritik an Medien automatisch als Medienkritik. „Das allgemeine Medienbashing ‚Journalisten sind heute schlecht‘ oder ‚die Medien machen xy‘ gehört für mich nicht dazu.“ Eine kritische Auseinandersetzung wird verlangt, der eine analytische und auf konkrete Fälle bezogene Berichterstattung folgt.

Medienkritisch aktiv

Dass Medienkritik ein wichtiger Bestandteil der Medienkompetenz ist, darin sind sich alle einig. Daher sind die befragten Medienschaffenden auch selbst medienkritisch aktiv. Diese Aktivitäten reichen von Äusserungen auf Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter über Kolumnen bis hin zu persönlichen oder einem Medium angeschlossene Blogs. Neben dieser öffentlichen Medienkritik findet auch interne Medienkritik statt – sei es bei der Blattkritik oder in Diskussionen mit Kollegen.

Braucht es eine Definition?

Eine verbindliche Definition von Medienkritik gibt es also nicht und braucht es womöglich auch gar nicht. Allen Auffassungen gemein und wohl auch am wichtigsten ist es, dass medienkritische Äusserungen stets gut begründet und die Rahmenbedingungen nicht ausser Acht gelassen werden. Ob die Kritik von Journalisten, Laien oder Wissenschaftlern kommt und ob ein Artikel, ein Medium oder das gesamte Mediensystem betrachtet und kritisiert wird, spielt letztendlich eine sekundäre Rolle.

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