Aufgefallen: Die Beamtenverdeutschenden

von Matthias Giger

Auch im Journalismus gibt es Seuchen. Eine, die schon ziemlich lange umher geht, ist die Vergangenheitsform im Titel, Teaser, in der Bildlegende und im ersten Satz. Eine jüngere Seuche ist die Sterilisation der weiblichen und männlichen Form. Verursacht wird diese Seuche von den Beamtenverdeutschenden. Von Schreibenden, Moderierenden und Redigierenden wird sie übernommen und verbreitet. „Es heisst eben Lernende und nicht Berufsschüler“, wird man da belehrt, wenn man es wagt, dieses Übel einmal aus dem Text zu werfen. Klar doch, wieso sollte man auch der Präzision wegen politisch unkorrekt werden und die weibliche Form aussen vor lassen – arme Leserinnen und Leser, ach, Entschuldigung, arme Lesende natürlich.

Doch, Moment, bei der Neutralisierung der Geschlechter lässt – der oder die – weiss man es? – Beamtenverdeutschende doch auch die weibliche Form aussen vor. Sterilisation und Kastration im Dienste der Gleichberechtigung. Es ist heutzutage angebracht, in journalistischen Texten zumindest einmal beide Geschlechter zu nennen. Das sollte machbar sein. Und es wird auch gemacht, obwohl: Aus Erfahrung weiss ich, dass Journalistinnen und Journalisten zuerst bei den Geschlechtern kürzen oder manchmal nur beide Geschlechter berücksichtigen, um den Text zu strecken.

Sprache hat (oder hatte mal) eine Seele. Und in der deutschen Sprache gibt es vorläufig noch drei grammatische Geschlechter: weiblich, männlich und sächlich oder die, der und das. Diese Register sollte eine Journalistin, sollte ein Journalist beherrschen, will er oder sie sich von den Schreibenden, Moderiernden und Redigierenden abheben. Oder müssen wir aus Braut und Bräutigam um z’Verecken Heiratende machen? Sollen Studentinnen und Studenten, Hochschülerinnen und Hochschülern, Primarschülerinnen und Primarschülern, Lehrlingen, Maturandinnen und Maturanden, Oberstufenschülern und Oberstufenschülern zu einem Einheitsbrei namens Lernende gestampf werden?

Warum aber ist es sinnvoll, beide Geschlechter zu nennen? Ganz einfach, weil Sprache, egal ob mündlich oder schriftlich, unser Denken und Fühlen beeinflusst. Das ist wissenschaftlich hieb- und stichfest bewiesen. Solange es auch Ärztinnen und Sekretäre gibt, darf man das also ruhig erwähnen. Sonst werden sie in unseren Gedanken ausgeblendet und es entsteht ein verzerrtes Bild der Realität – nebst der Verzerrung, die der medialen Wirklichkeit ohnehin eigen ist. Genau deshalb sollten die grammatischen Geschlechter erhalten bleiben. Sonst verlieren wir an Präzision und die Geburtenrate sinkt weiter in den Keller.

  • Claudia Wirz macht sich in der NZZ Gedanken über die politisch korrekte Sprache – zum Beitrag
  • Sprachwissenschafterin Luise F. Pusch hält im Interview dagegen – zum Interview
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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

2 Gedanken zu „Aufgefallen: Die Beamtenverdeutschenden

  1. Anna Rosenwasser

    Der wichtigste Satz dieses ganzen Textes versteckt sich erst in dessen Schluss:

    «…weil Sprache, (…) unser Denken und Fühlen beeinflusst.»

    Es ist der einzige, beste und stärkste Grund dafür, endlich die geschlechtergerechte Sprache umzusetzen – eben genau auch in Redaktionen. Den Journalisten sind dabei oft die Hände gebunden: Einerseits schränken redaktionsinterne Regeln das Schreiben ein, andererseits die Zeilenvorgabe, die je nachdem die Zuschauerinnen, Zuhörerinnen und Politikerinnen auftreten oder verschwinden lassen.
    Das ist ein Grund, warum nicht nur Journalistinnen, sondern auch ganze Redaktionen einmal hinter die Bücher gehen könnten: Wäre ein Binnen-I à la WOZ sinnvoll? Oder mindestens andere, verbindende Regeln?
    Und was ist mit der Idee, einfach zwischen den verschiedenen Möglichkeiten abzuwechseln? Mal von Studierenden, dann von Studentinnen und Studenten und dann wieder von der Studentenschaft zu schreiben? Wäre dieses lockere, aber respektvolle und reflektierte Umgang mit den sprachlichen Geschlechtern nicht auch eine kreativere Herangehensweise, als die eine Form einfach bloss zu verteufeln?

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  2. Matthias Giger

    Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass redaktionsinterne Regeln mich diesbezüglich einschränken würden. Aber es kommt vor, dass die weibliche Form nur hergenommen wird, um den Text zu strecken. Das tun sowohl Redaktoren als auch Redaktorinnen. Sehr wohl erlebe ich aber, dass man sich redaktionsintern grundsätzlich zu wenig mit Stilfragen beschäftigt. Meiner Ansicht nach reicht das Problem mit der Gleichberechtigung tiefer. Ich habe nicht nachgezählt, schätze aber, dass Männer in der Zeitung grundsätzlich übervertreten sind. Und daran sind nicht nur die Journalisten schuld.

    Kompromisse gegen den Lesefluss zugungsten der Gleichberechtigung halte ich für keine gute Idee. Ich für meinen Teil halte es wie eine ehemalige Kollegin, die beim ersten Mal beide Geschlechter verwendet und danach die grammatisch männliche Form. Klar kann man auch die weibliche Form verwenden, aber das verwirrt eher. Dann fragt man und selbstverständlich auch frau sich: Sind jetzt explizit die Studentinnen gemeint oder geht es schlicht um ausgleichende sprachliche Gerechtigkeit. Das ist zwar nicht 100 Prozent gerecht, aber immerhin hebt der Autor oder die Autorin die weibliche Form ins Bewusstsein.

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