Können wir unseren Augen noch trauen?

von Samuel Weissman

Ob zu Propagandazwecken oder zur Effekthascherei, Photoshop und Co. haben auch in den Medien ihre Pinsel im Spiel. Schweissflecken verschwinden, Wasser wird zu Blut, Fettpölsterchen zurechtgebogen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Aber: Mit dem richtigen Know-how können Journalisten prüfen, wo geschummelt und aufgehübscht wurde.

Ein berühmtes Beispiel einer Bildmanipulation, die den Zweck verfolgte, Aufsehen zu erregen, war jene zum Massaker von Luxor in der Blick Ausgabe vom 18.11.1997. Darauf war eine riesige Blutlache vor dem Tempel der Hatschepsut zu sehen. Wie sich herausstellte, war dies jedoch bloss eine Wasserlache, die rot eingefärbt wurde. Ohne Blut wäre das Bild schlicht und unspektakulär – nicht das, was den Grossteil der Leser dazu verführt, den Artikel zu lesen.

Das gefälschte Bild des Luxor Massakers, das 1997 im Blick erschien. einestages.spiegel.de

Oder aber, erst kürzlich, das Bild des erschossenen Terroristen Osama Bin Laden, welches einer Agentur zugespielt wurde, die ohne gründliche Überprüfung das Foto an die Medien weiterreichte.

Wessen Verantwortung ist es nun, solche Fälschungen frühzeitig zu erkennen und aufzudecken? Müssen derartige Bilder wirklich erst von den Medien veröffentlicht werden damit irgendwo irgendein aufgeweckter Mitmensch zufällig entdeckt, dass es sich um eine Retusche handelt? Sollten nicht Bildagenturen, Bildredaktoren und Journalisten genügend ausgebildet sein, nicht alles einfach als Wahrheit hinzunehmen, sondern diese aktiv zu hinterfragen, überprüfen und, wenn nötig, eine Publikation zu verhindern?

Den Augen und den Quellen ist nicht immer zu trauen. Dies bestätigt auch Beat Rüdt, Studienleiter Visual Multimedia Editor am MAZ in Luzern.  Der Studiengang zielt darauf ab, Journalisten und Redaktoren auszubilden, die sich im digitalen Zeitalter zurechtfinden und ihre Fähigkeiten in der visuellen Kommunikation einsetzen. Gerade wenn die Herkunft des Bildes von Agenturen oder, dem neusten Trend folgend, von Lesern ausgeht, wird es problematisch, ihre „Echtheit“ zu überprüfen. Dazu nennt Rüdt zwei Ansätze, nach denen sich Journalisten richten sollten, um präventiv Bildmanipulationen zu erkennen. Einerseits gibt es die technische Methode Daten zurückzuverfolgen. Beispielsweise „kann man anhand der EXIF-Daten sehen, ob ein Bild bearbeitet wurde“, sagt Rüdt. EXIF (Exchangeable Image File) -Daten, sind Informationen, die in Bilddateien gespeichert werden und Angaben zu Verschlusszeit, Blende, Uhrzeit und Datum, etc. machen. Diese können Auskunft geben zur Authentizität der Aufnahme.

Andererseits können durch die Betrachtung des Bildes viele Merkmale erkannt werden. „Der Ort, an dem das Foto aufgenommen wurde, kann beispielsweise mit Google Streetview verglichen werden“, sagt Rüdt. Faktoren wie das Wetter, der Sonnenstand und andere Inhalte gelten überprüft zu werden. „Bei einem Unfall ist es einfacher, da man Details bei der Polizei oder Zuschauern verifizieren kann. Sobald ein Leserbild aus dem Ausland kommt, von Erdbeben oder dem Attentat in Mumbai, wird es schwieriger, die Fakten sofort zu bestätigen“. Auch den Agenturen sollten Bilder nicht ohne ein prüfendes Auge abgenommen werden, denn diese „übernehmen nicht die Verantwortung für die von ihnen verbreiteten Bilder“, bestätigt Rüdt. Deshalb liegt es in der Verantwortung der Redaktoren, dass solche Fehler, wie mit der bearbeiteten Bin Laden Aufnahme nicht passieren.

Was früher eine Kunst war, kann mittlerweile praktisch jede und jeder mit geringstem Aufwand zu Hause am Computer, sogar am Mobiltelefon; Bilder retouchieren. Und je besser die Technik wird, desto schwieriger wird es, die Manipulation auszumachen und zurück zu verfolgen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Kunst darin besteht, eine Retusche zu erkennen, und nicht diese herbeizuführen. Dies hat zur Folge, dass wir unseren Augen und den Medien, die uns eine geballte Ladung an visuellen Eindrücken zuspielen, nicht mehr trauen können. Deshalb sind wir heute mehr denn je darauf angewiesen, dass Journalisten ihr technisches Know-how auf den neusten Stand bringen, den Papierblock und Stift zur Seite legen und sich dem unausweichlichen, digitalen Zeitalter stellen.

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