Kommentar zum gespaltenen Verhältnis zwischen Medien und Naturwissenschaft

von Hansruedi Völkle

Seit die immer kontroversere Diskussion um Nutzen und Gefahren der Kernenergie ausgebrochen ist und erst recht seit der Reaktor­katastrophe von Tschernobyl und erneut nach jener von Fukushima, ist das Verhältnis zwischen Naturwissenschaftlern und Journalisten alles andere als harmonisch.

Bild Prof. Dr. Hansruedi Völkle

Prof. Dr. Völkle ist Titularprofessor für Kernphysik, Radioaktivität und
Strahlenschutz an der Universität Freiburg und ehemaliger Chef der Sektion
Überwachung der Radioaktivität beim Bundesamt für Gesundheit.
Der persönliche Kommentar zum gestörten Verhältnis zwischen Naturwissenschaftlern und den Medien ist zuerst erschienen in:
StrahlenschutzPRAXIS Nr. 2/2012

Die Tagung des Fachverbands für Strahlenschutz an der Universität Mainz vom 8./9. März 2012 zum Thema «Strahlenschutz – Ein Jahr nach Fukushima» hat die erwähnte Diskrepanz zwischen Fachleuten und Medien erneut deutlich aufgezeigt. Diese scheint umso größer, je weiter der IQ der Wissenschaftler über der 100er-Marke beziehungsweise jener der Medienvertreter darunter liegt (echte Wissenschaftsjour­nalisten seien hier ehrlicherweise ausgenommen; sie haben es aber oft schwer, sich bei einer breiteren Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen).

Zum Wissenschaftler als Faktenkommunikator

Der Journalist erwartet vom Naturwissenschaftler, dass er seine Aussage – möglichst ohne Nebensätze – kurz und prägnant in 15 Sekunden formuliert, weil anscheinend das Erinnerungsvermögen des Zuhörers beziehungsweise des Lesers längere und differenziertere Aussagen nicht verkraftet. Es liegt aber gerade in der Natur des Wissenschaftlers und insbesondere an seinem Berufsethos (das haben wir nämlich auch), dass er selbstkritisch alles immer wieder hinterfragt und relativiert. Er wird dann also eher sagen: „Aufgrund der uns heute vorliegenden Erkenntnisse kann man sagen, dass … man muss jedoch berücksichtigen, dass … und zu diesem oder jenem Punkt können wir zur Zeit noch keine endgültige Aussage machen … „

Weiter versteht der Journalist nicht, dass der Wissenschaftler als Sprecher einer Behörde oder einer Organisation nicht seine persönliche Meinung sagen darf oder soll, sondern die offizielle Ansicht seiner vorgesetzten Stelle vertreten muss, auch wenn diese nicht in jedem Fall im­mer objektiv ist. Tut er dies nicht, wird er gemaßregelt.

Wir müssen ehrlicherweise auch zugeben, dass wir Wissenschaftler nicht immer ein Muster an Klarheit und Verständlichkeit sind und unser eigenes Unwissen oft hinter komplizierten und verschachtelten Nebensätzen und einem unverständlichen Fach­jargon verstecken. Ausdrücke wie „Wahrscheinlichkeit“ und „Risiko“ werden vom nicht wissenschaftlich Gebildeten anders verstanden, als deren wissenschaftliche Definitionen es festlegen. Wahrscheinlich ist etwas, das passieren kann. Ein Risiko wird subjektiv als eine Bedrohung, also als etwas Gefährliches wahrgenommen, das man nicht abwenden kann. Am gefährlichsten ist für viele das „Restrisiko“. Hier wird – wie beim „Restmüll“ auf deutschen Bahnhöfen – alles reingepackt, was sonst nir­gends hineinpasst, also unbekannt ist wie Strahlung und Radioaktivität.

Eine Aussage müsste somit lauten: „Es ist höchst unwahrscheinlich, im Lotto einen Sechser zu ziehen, denn die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend klein.“ Trotzdem kommt dies fast jede Woche vor, was verständlich ist, wenn man die große Zahl der Menschen berücksichtigt, die Lotto spielen. Ebenso ist es höchst unwahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschließen, dass einige Bewohner Japans an einer durch Fuku­shima ausgelösten Krebserkrankung sterben werden. Im Einzelfall wird man dies je­doch nie konkret belegen können. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit groß, nämlich etwa 30 Prozent, dass ein Japaner, eine Japanerin, an einer durch eine andere Ur­sache verursachten oder spontanen Krebserkrankung stirbt. Die Aussage, dass ioni­sierende Strahlung das Krebsrisiko erhöht, ist per se richtig. Wenn diese Zunahme jedoch verschwindend klein ist im Vergleich zu den andern, teilweise erheblichen Ri­siken unseres täglichen Lebens, dann sollten wir diese als unbedeutend und tragbar betrachten, denn ein Leben ohne Risiken gibt es nicht. Dabei soll man nicht verges­sen, dass Radioaktivität und Strahlung lebensnotwendig sind, da sie durch Erzeu­gung von Mutationen wesentlich zur Evolution der Arten beigetragen haben.

Zum Wissenschaftler als „Experte“

Der Medienvertreter wird – auch das hat man uns in Mainz deutlich gemacht – oft jene selbst ernannten „Experten“ vorziehen, die ihm das erzählen, was er hören will, und ihn somit in seiner vorgefassten Meinung bestätigen, gegenüber Experten ohne Anführungsstriche, zu denen wir uns zählen. Er ist – um es mit einer physikalischen Analogie zu erklären – ein Polarisationsfilter, der nur eine bestimmte Schwingungs­richtung des Lichtes durchlässt, oder – noch perfider – eine „optisch aktive Sub­stanz“, welche die Polarisationsrichtung des Lichtes in eine andere Richtung dreht. Wenn man beispielsweise dem Journalisten im Zusammenhang mit den verrosteten Abfallfässern in Brunsbüttel sagt: „Das ist zwar eine Schweinerei, aber für die Bevöl­kerung absolut ungefährlich“, dann wird er entweder den zweiten Teil des Satzes unterschlagen oder sagen, das sei eine widersprüchliche Aussage, denn eine Schweinerei könne nicht ungefährlich sein.

Zum Journalisten als Risiko- und Tatsachenkommunikator

Am krassesten sind solche Fehlinformationen bei den Medien, die vor allem mit großformatigen Bildern und großen Buchstaben operieren. Hier soll offenbar der Le­ser dahingehend beeinflusst werden, dass er am Schluss glaubt, der Tsunami sei eine Folge der Reaktorkatastrophe von Fukushima gewesen und nicht umgekehrt. Bei einem so ernsten Thema, wo viele begründete Ängste in der Bevölkerung und ein berechtigtes Interesse an sachlicher und objektiver Information bestehen, ist dies schlichtweg kriminell.

Die Menschheit steht heute wohl vor den größten Her­ausforderungen, die sie je bewältigen musste: das CO2-Problem und der dadurch verursachte irreversible Klimawandel, der massive Rückgang der Biodiversität und die Zerstörung der Umwelt, die Rohstoffverknappung und die Frage der Energie­versorgung künftiger Generationen, um nur die dringendsten zu nennen. Zu glau­ben, der Ausstieg aus der Kernenergie löse mit einem Schlag alle Probleme der Menschheit, ist ein gefährlicher Trugschluss.

Der Bürger muss in der Lage sein, seine Verantwortung wahr­zunehmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sein Verhalten danach auszurichten. Dies kann er aber nur, wenn er auch richtig und umfassend informiert wird. Aus dieser Sicht ist das Verhalten gewisser Medien verantwortungslos, de­nen es nur um Sensationsmache statt um Vermittlung der Wahrheit geht.

Zur Rolle von Betreibern und Behörden

Eine Bemerkung noch zum Schluss: Die Fachleute sind sich im Nachhinein darüber einig, dass beide Unfälle (Tschernobyl und Fukushima) hätten vermieden werden können, wenn die elementarsten Sicherheitsmaßnahmen von Betreibern und Behörden eingehalten worden wären, was aus der Sicht des Schreibenden eine wesentlich strengere internationale Auf­sicht in diesem Bereich unumgänglich macht.

Hansruedi Völkle, Universität Fribourg

2 Gedanken zu „Kommentar zum gespaltenen Verhältnis zwischen Medien und Naturwissenschaft

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  2. Marco Rohner

    Die Karikatur ist gelungen. Dem Naturwissenschafter fehlt es in Bezug auf Medien und Kernenergie an seiner Differenziertheit – entgegen des Naturwissenschafters Natur und insbesondere entgegen seinem Berufsethos.

    Antworten

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