„Sobald ein Promi den Mund aufmacht, wird alles ungefiltert übernommen“

von Frank Richter

Mediensatire als Medienkritik: Der Blog Klatschheftli.ch hinterfragt mit Witz und Biss das Zusammenspiel von Promis und People-Presse. Auch wenn die Autoren ihren medienkritischen Beitrag nicht überbewertet sehen wollen, zeigt ihre Arbeit Wirkung: Bei der Schweizer Illustrierten liest man Klatschheftli.ch fleissig.

Klatschheftli.ch deckt auf, was die Boulevard-Medien nicht wissen wollen: Miss Schweiz Kerstin Cook und der Bluff mit dem Oxford-Studium.

B.J. Hyatt provoziert gerne. Die Zeitschrift „Schweizer Illustrierte“ nennt er „das ultimative Satiremagazin“, Miss Schweiz Alina Buchschacher tauft er in seinem Blog klatschheftli.ch kurzerhand in „Miss Ranzenschacher“ um. Täglich lästern Hyatt und seine Mitautoren über die Schweizer Cervelat-Prominenz. Mit Erfolg. Bis zu 50’000 Unique Visitors besuchen das Satire-Blog pro Monat.

„Wir machen uns über das Zusammenspiel von Promis und Presse lustig “, sagt der 54-jährige Zürcher Unternehmer. Dass er und seine Mitstreiter unter Pseudonymen lästern, hat gemäss Hyatt einen Grund: Man wolle nicht selbst zur Cervelatprominenz verkommen. Dass es sich anonym besser über jemanden herziehen lässt, dürfte wohl auch eine Rolle gespielt haben. Hyatt will das nicht bestätigen. Er sagt dazu nur so viel: „Wir haben die Kunstfiguren 2008 erfunden, um die Seite bekannt zu machen.“ Die Strategie ging auf. Medienhäuser und Journalisten entdeckten Klatschheftli innert kurzer Zeit. Es wurde gerätselt, wer hinter der Seite stecken könnte. „Viele dachten, wir seien selbst in der Medienbranche tätig“, sagt Hyatt. Dem ist nicht so. Keiner der Klatschheftli-Autoren verfügt über eine journalistische Ausbildung. Die Seite ist finanziell komplett unabhängig und zieht durch den Kakao, wen sie will.

“Der Leser will nichts Kritisches“
Klatschheftli kritisiert an der People-Berichterstattung einen Punkt ganz besonders: „Sobald ein Promi den Mund aufmacht, wird alles ungefiltert übernommen. Der Boulevard hinterfragt nichts.“ Ein Vorwurf, den man bei den Boulevard-Medien bis zu einem gewissen grad nachvollziehen kann. Sandra Casalini, stellvertretende Unterhaltungschefin der Schweizer Illustrierten, sagt dazu: “Ich gehe primär davon aus, dass ein Prominenter beim Gespräch die Wahrheit erzählt.“ Ein Grundproblem sei, dass es in der Schweiz schlichtweg zu wenig Prominente gebe, als dass man auf gewisse verzichten könne. „Uns sind ein Stück weit die Hände gebunden, etwas zu Promikritisches zu machen“, sagt Casalini. Allerdings geht sie davon aus, dass die Leser der Schweizer Illustrierten auch keine promikritischen Texte erwarten.

Was aber nicht heisst, dass Kritik für das Heftli ein Fremdwort wäre. Bei der Schweizer Illustrierten findet wöchentlich eine Blattkritik statt. In diese fliessen Leserbriefe, Web-Kommentare oder Stimmen aus dem Umfeld der Redakteure ein. Auch Klatschheftli nehmen sie als Medienkritik ernst, bestätigen Casalini und Katja Fischer, Desk-Leiterin von SI Online. „Die Autoren haben ein gutes Gespür für die Geschichten, die sie aufgreifen. Sie kritisieren oftmals diejenigen Artikel, die auch bei uns intern heiss diskutiert wurden“ sagt Casalini. Dass die Schweizer Illustrierte vom Blog als das „ultimative Satiremagazin“ bezeichnet wird, fasst sie als Kompliment auf. „Unser Ziel ist es nicht, dem Leser die Welt zu erklären. Wir machen Unterhaltung, nichts Anderes.“

Redaktionen und Leser schicken Informationen
Auch B.J. Hyatt möchte die Leser mit seinen Artikeln primär unterhalten. Medienkritisch seien sie erst an zweiter Stelle. Klatschheftli zählt auf eine treue Fangemeinde. Die Seite ruft ihre Leser dazu auf, lustige Trouvaillen oder Artikel einzusenden. Auch Gerüchte können per E-Mail gesteckt werden. „Wir verifizieren, was uns zugeschickt wird. Was wir nicht mit Bildern oder Videos beweisen können, wird nicht veröffentlicht“, sagt Hyatt. Dass er und seine Co-Autoren Promiaussagen durchaus kritisch hinterfragen, zeigt der Fall von Kerstin Cook. Die Miss Schweiz 2010 behauptete in Interviews, an einer Oxford Open University via Fernstudium Biologie zu studieren. Schnell fand Hyatt heraus, dass es zwar eine „Open University“, nicht aber eine „Oxford Open University“ gibt. „Das hat mir schon zu denken gegeben, dass wir als Satireblog nach 15 Minuten Google-Recherche etwas aufdecken, das von den etablierten Medien bedenkenlos übernommen wurde“, erinnert sich Hyatt.

Man kennt und respektiert sich
Obschon er und seine Co-Autoren die Arbeit von Peoplejournalisten gerne ins Lächerliche ziehen, steht Klatschheftli mit Schweizer Peopleredaktionen nicht auf Kriegsfuss. „Die meisten finden unsere Artikel lustig. Uns wurden bereits Führungen durch die Newsrooms angeboten“, sagt Hyatt. Viele Medienschaffende wissen inzwischen, wer sich hinter seinem Pseudonym verbirgt. So erhielt Hyatt auch schon Insider-Informationen von Journalisten selbst zugeschickt. Das war dann der Fall, wenn es sich ein Blatt mit einem Prominenten nicht verscherzen wollte.
Von den verspotteten Persönlichkeiten wollte übrigens niemand Stellung zu Klatschheftli nehmen. Nur Ex-Miss-Schweiz Linda Fäh liess per Email verlauten, sie habe schon lange aufgehört, diese Seite zu lesen. „Klatschheftli ist für mein Leben nicht relevant,“ schreibt Fäh. Die Gegenseite dürfte das anders sehen. 123 mal wurde Linda Fäh von Klatschheftli bereits durch den Kakao gezogen. Mehr als jeder andere Prominente.

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