Merken und Meckern

von Claudia Fröhlich

Als Merker schaut der pensionierte Journalist Peter Stahlberger der Redaktion des St. Galler Tagblatts auf die Finger. Einmal im Monat werden Lob und Tadel in der Zeitung veröffentlicht. Stahlberger findet die Aufgabe interessant, aber auch heikel.

Der ehemalige NZZ-Ostschweiz-Korrespondent wirft als «Merker» einen kritischen Blick auf das St. Galler Tagblatt. Bild: tagblatt.ch

Mitten im Musemsviertel wohnt Peter Stahlberger. Seine Wohnung liegt neben der Tonhalle, dem Stadttheater und mehreren Museen. Das Restaurant in seiner Nähe heisst „Concerto“ und dementsprechend ist auch seine Wohnung eingerichtet. Im Arbeitszimmer wimmelt es von Büchern. Bis zur Decke stapeln sie sich. Stahlberger scheint ein sehr belesener Mann zu sein. Kein Wunder, schrieb er doch bereits für mehrere Tageszeitungen, darunter für die „NZZ“oder den „Tages-Anzeiger“, war Ausland- und Ostschweizkorrespondent. Die Medien sind auch nach seiner Pension stets präsent. Mehrere Zeitungen hat er abonniert, darunter deutsche und solche aus der ganzen Schweiz.

Stahlberger ist Merker beim St. Galler Tagblatt. Er teilt sich sein Amt mit Merker-Kollege Walter Eggenberger. Laut Philipp Landmark, Chefredakteur des St. Galler Tagblatts, soll der Merker niederschreiben, was ihn „Beim Durchlesen der Zeitung besonders gefreut oder geärgert, überrascht oder verwundert hat“. Jeweils am Ende des Monats erscheint die Rubrik, eine halbe Seite beansprucht sie für sich. Der Merker ist eine einzigartige Form von Medienkritik in der Schweiz. So beschäftigt der „Tages-Anzeiger“ zum Beispiel einen Ombudsmann, das Schweizer Radio und Fernsehen hat einen Publikumsrat. Oft werden die Medien auch in Blogs kritisiert. Kritik, die sich an das eigene Blatt wendet und dort auch veröffentlicht wird, gibt es nur noch selten.

Erst beim dritten Mal zugesagt
Stahlberger und Eggenberger üben das Amt des Merkers bereits ein Jahr lang aus. Die beiden ergänzen sich perfekt: Stahlberger achtet mehr auf die Sprache, Eggenberger als ehemaliger Radio- und Fernsehjournalist bezieht oft auch die Optik mitein. In den 90er-Jahre moderierte Eggenberger die Sendung „10 vor 10“ im Schweizer Fernsehen.

Beide Merker sind alte Hasen im Journalismus. Trotzdem musste das St. Galler Tagblatt Stahlberger dreimal für das Amt des Merkers anfragen. „Ich hatte bisher einfach andere Prioritäten“, sagt er. Ausserdem hätte er sich mit dem damaligen Chefredakteur zu wenig unbefangen gefühlt, hätte weniger kritisch geschrieben als heute. Heute fühle er sich frei. Zuvor hatte er sechs Jahre lang keine einzige Zeile mehr für eine Zeitung geschrieben, habe alle Anfragen abgelehnt. Vor einem Jahr wurde er weich und nahm das Amt an. „Nach Rücksprache mit meinen Kindern“, sagt der 67-Jährige. Er selber hätte lieber „Salzkörner“ für das St. Galler Tagblatt geschrieben und somit Gedanken über Gott und die Welt kolumneartig verfasst. Doch seine zwei Kinder fanden die Aufgabe des Merkers „Interessanter und wichtiger“. Schliesslich freute sich das Tagblatt öffentlich, den „anerkannten Medienprofi“ als Merker für sich gewonnen zu haben.

Nur Zeichenzahl vorgegeben
Ob ihm die Rolle als Merker gefalle? „Nein, gefallen tut sie mir nicht“. Seine Funktion sei interessant, aber heikel. Stets müsse er andere kritisieren und ihnen auf die Finger schauen. Feedbacks von den kritisierten Journalisten gibt es selten. „Wenn ich sie per Zufall in der Stadt treffe, merke ich schon, dass sie keine Freude hatten an meinen Texten“, sagt er. Aber es haben sich auch schon Journalisten für die Kritik bedankt. Ansonsten bekommt er keine Rückmeldungen aus der Redaktion. „So wie ich mich nicht in ihren Alltag einmische, mischt sich die Redaktion nicht bei mir ein“, sagt er und nennt dies eine ungeschriebene Regel. Er sei völlig frei, habe keinen Leitlinien, keinen Regeln zu folgen, nur die Zeichenzahl sei begrenzt. Auch von ökonomischem Druck spüre er nichts.

„Kraut- und Rüben-Spalte“
Feedbacks der Leserinnen und Leser bleiben aber nicht aus. Sind sie mit Stahlberger einverstanden, bekommt er E-Mails zugeschickt. Sind sie nicht der gleichen Meinung, schicken sie Leserbriefe. Nachdem er einst die „Rechtschreibefehler“ im Tagblatt als peinlich beschrieben hatte, hagelte es Kritik. „Nebenbei zum Merken: Es heisst „Rechtschreibfehler“, nicht „Rechtschreibefehler“, schrieb eine Leserin- und pensionierte Korrektorin. Stahlberger grinst und wirkt fast schon etwas stolz als er der zweite Leserbrief zeigt. Dieser trägt den Titel „Merken und meckern“. Der Leserbrief spielt auf Stahlbergers Artikel an, in dem er eine Rubrik im „Focus“-Bund die „Kraut- und Rüben-Spalte“ nennt.

20 Franken in der Stunde
„Walter ist der liebere Merker als ich“, sagt Stahlberger. Er selber kritisiere häufig. Als Massstab nehme er dafür qualitativ guten und fairen Journalismus. Daher nimmt er auch sein Amt ernst. Über zwei Monate analysiert er jeweils das St. Galler Tagblatt, die Thurgauer Zeitung und die Appenzeller Zeitung. Mal untersucht er ein ganzes Ressort, mal achtet er auf sachliche Fehler und deren Berichtigungen, mal auf leserunfreundliche Textpassagen. Dafür führt er Strichlisten und macht sich Notizen. So will er die Redaktion darauf aufmerksam machen, dass sie „schludrig“ gearbeitet oder zu wenig an die Leser gedacht hat. Stahlberger richtet sich aber auch an die Leser: Auch sie sollen zum Nachdenken angeregt werden. „Wichtig ist, dass die Leserinnen und Leser merken, dass sie nicht alles schlucken sollen, was im St. Galler Tagblatt publiziert wird“, sagt er und fordert diese auf, sich bei Fehlern vermehrt bei der Redaktion zu melden.

Pro Merker bekommt Stahlberger 1000 Franken. „Klingt nach viel, ist es aber nicht“, sagt der Pensionär. Er habe viel Arbeit mit dem Merker. Teilweise arbeite er bis zu 50 Stunden daran. Dazu gehört das Verfassen des Textes, die Zeitungsanalyse und das Korrespondieren von Anfragen oder Reaktionen. So käme er auf einen Stundenlohn von 20 Franken. Aber schliesslich gehe es ja nicht um den „Stutz“, sondern um fairen und sauberen Journalismus.

Kritik wird ernst genommen
1998 übernahm das St. Galler Tagblatt die Tageszeitung „Die Ostschweiz“ und hatte somit von einem Tag auf den anderen keine Konkurrenz mehr. Dies schürte Ängste in der Bevölkerung. Um die Ängste zu beschwichtigen, führte das Tagblatt den Merker ein. Damit wollte das Tagblatt laut Stahlberger zeigen, dass sie ihre „Monopol-Stellung“ nicht ausnutzten. Der „Watchdog“ in Form des Merkers blieb bis heute. Und auch heute nehme man die Kritik des Merkers sehr ernst, sagt Bruno Scheible. Er ist Blattmacher beim St. Galler Tagblatt. Einige Gesichtspunkte würde man sich merken und bei der nächsten Berichterstattung darauf achten. „Zu lebhaften Diskussionen führt die Rubrik aber nicht“, sagt er. Sowohl Scheible und Stahlberger sind sich einig, dass der Merker der Zeitung nicht schade, sondern ein Grund sei, sie zu kaufen. Hausinterne Kritik zeuge von Stärke und Selbstvertrauen. Peter Stahlberger freut sich trotzdem, wenn er dann wieder „Salzkörner“ verfassen darf.

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