Qualität beginnt im Kleinen

von Nicole Döbeli

Weniger Leser, weniger Werbung, weniger Geld: Während ein Teil der Medienbranche auf Panik macht oder sich in Verdrängung übt, besinnt sich einer zurück aufs Wesentliche. Tages-Anzeiger-Autor Constantin Seibt nimmt in seinem Blog „Deadline“ das journalistische Handwerk schonungslos unter die Lupe und zeigt, wie man die Leser mit guten Geschichten begeistern kann.

„Es braucht Leute mit Temperament. Man sollte ruhig ein paar Mal den Presserat beschäftigen“, sagt „Deadline“-Blogger Constantin Seibt. Bild: zVg

Im Mai 2012 spross wieder mal ein neues Medienblog aus dem Internet. Angepflanzt wurde „Deadline“ vom Tages-Anzeiger-Journalist Constantin Seibt. Er widmet sich darin dem „Journalismusjournalismus“. Mit der kreativen Wortschöpfung bezeichnet die Wissenschaft die Berichterstattung über Journalismus als eine Spielart der Medienkritik. Von dieser Kategorisierung hält Seibt wenig: „Eine Einordnung als Medienkritik bringt nichts. Man muss über die Themen schreiben, die interessieren.“ Und das Schreiben über journalistisches Handwerk interessiert durchaus, wie der gut frequentierte Blog auf Newsnet zeigt.
Blogs, die sich mit Medien und Journalismus beschäftigen, spriessen seit Jahren immer wieder aus dem Netz. Doch die Lebensdauer der meisten Medienblogs ist kurz. Oft deshalb, weil sie nicht professionell, sondern als Hobby betrieben werden. Bei „Deadline“ ist das anders: Constantin Seibt bloggt über Journalismus als angestellter Redaktor. „Es soll ein konstruktiver Blog sein für alle, die am Journalismus interessiert sind“, erklärt Seibt das Konzept.

Medienkritik als Chance
Mit 14 habe er sich für das Schreiben und gegen das Weltretten entschieden, erzählt Seibt. Dass er seit jeher mit der Sprache kokettiert, sticht auch während des Gesprächs heraus. Selbst wenn ab und zu ein Anglizismus oder Kraftausdruck, manchmal auch kombiniert, dazwischen rutscht. Von der brotlosen Literatur rutschte er des Geldes wegen in den Journalismus und bekam bald einmal bei der WOZ das Medienressort angehängt. In seinem Blog beschreibt er diesen Moment als einen, in dem er Angst um seine journalistische Karriere gehabt habe. Unbegründet, wie sich herausstellte, denn der vermeintliche Karrierekiller entpuppte sich als Chance: „Es ist nicht schlimm, einige Leute gegen sich aufzubringen. Wichtig ist, dass es andere Leute gibt, die dadurch deinen Namen kennen. Und deshalb für dich sind. Eine Zeitung kann dich nur wollen, wenn sie dich kennt.“

Seit 2006 arbeitet der 46-Jährige beim Tages-Anzeiger. Er empfiehlt auch Neueinsteigern sich der Herausforderung der Medienkritik zu stellen: „Es braucht die Jungen, die den Alten vorhalten, sie seien routinierte Säcke von gestern. Sie sind zwar nicht immer im Recht, aber sie bringen Schwung in den Laden.“ Dass die Medienressorts in der Krise als Erstes gestrichen wurden, empfindet er als absolut kontraproduktiv: „Medienkritik ist wichtig. Sie verbessert die Institutionen. Manchmal nur schon, weil diese Angst davor haben eins auf die Pfoten zu bekommen.“ Das Mediensystem gehe als Ganzes den Bach runter und man müsse sich überlegen, wie man sich in Zukunft verkaufen wolle, erklärt er einen seiner Beweggründe für den „Deadline“-Blog.

Mit einem provokativen Unterton
„Ob Print oder Online, Publikum ist Publikum, und das will verführt werden“, sagt Seibt. Alles, was in der Krise zähle, seien Streichungen und Synergien, keiner mache sich Gedanken zum eigentlichen Handwerk. Hier versucht er mit seinem Blog anzusetzen: „Die Einträge müssen Hand und Fuss haben und sich im Kern aufs Handwerk beziehen.“ Je nach Thema seien sie eher technischer oder feuilletonistischer Natur. Zwischendurch stösst man auf einen leicht provokativen Unterton, wenn beispielsweise erklärt wird, dass Journalisten bestechlich sein sollten oder wie man als Leser Journalisten besonders gut abschiessen könne. Geht hier Stil vor Inhalt? „Natürlich macht Provokation als Stilmittel Spass, aber die Einträge sind in ihrem Kern alle ernst gemeint“, sagt Seibt.

Die Kunst sei es, unauffällig Informationen zu liefern. „Ich versuche mit dem Blog Volkshochschule zu machen, ohne dass es jemand merkt“, erklärt er. Tatsächlich lesen sich die Einträge oft wie Vorlesungen zum Thema „Journalismus als Handwerk“ – nur unterhaltsamer. Den Journalistenschulen steht Seibt eher kritisch gegenüber: „Die Studenten werden zu braven Zahnrädchen ausgebildet, die den Redaktionen als Kanonenfutter dienen.“ Als Praktikantenbetreuer bei der WOZ hätten ihn die Artikel der Studenten selten begeistert: „Die Texte sind okay, alle W-Fragen sind beantwortet, aber die Artikel packen einfach nicht.“ Einen Krüppel-Text mit Herz könne man redigieren, aber bei einem Model ohne Herz sei nichts mehr zu retten.

Frech gewinnt
Umso wichtiger sei es, dass man sich auf das Handwerk besinne und seinen eigenen Stil finde. „Es braucht Leute mit Temperament. Man sollte ruhig ein paar Mal den Presserat beschäftigen“, meint Seibt. Die Leser wollten Texte, die es schaffen haarscharf am roten Bereich vorbei zu kratzen, um dann doch im grünen zu landen. Taktlos sein, aber trotzdem im Takt bleiben lautet das Seibtsche Verkaufsargument. Das erreicht nur, wer das Schreibhandwerk beherrscht. Die Idee sei es, den Blog irgendwann auch für andere Autoren zu öffnen, erzählt Seibt. So könnte aus dem Blog-Pflänzchen einmal eine Blog-Eiche entstehen, von deren handwerklichen Tipps und Tricks Journalisten, angehende Journalisten und dadurch zum Schluss auch die Leser profitieren können.

Ein Gedanke zu „Qualität beginnt im Kleinen

  1. Matthias Giger Beitragsautor

    Am Blog von Constantin Seibt habe ich etwas auszusetzen, wofür er selbst wenig kann: Dieser verdammte Werbebanner auf tagesanzeiger.ch kann es mit jeder Stubenfliege aufnehmen. Gibt es ein besseres Mittel, um Nutzer von einer Site fern zu halten? Kaum. Der einzige Ausweg, die Beiträge in Ruhe zu lesen, führt über einen RSS-Reader oder den guten alten Drucker.

    Das mit den Rädchen und den Journalismus-Schmieden: Dies hängt stark von den Dozenten ab. Peter Linden oder Arno Makowsky wird die Zahnrädchen-These jedenfalls nicht gerecht. Aufs Rädchen-Wesen haben die Redaktions-Kolleginnen und -Kollegen und die Redaktionskultur sicher einen grösseren Einfluss als die Ausbildung.

    Nicht direkt zum Thema – aber gerade im Fokus: Constantin Seibts Rede „vor den Aktionären und Freunden der «Basler Zeitung»“ Und Markus Schär über die Rede.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.