Die Kritik, die nach hinten losging

von Nico Bührer

Seit Mitte der siebziger Jahre arbeitet Ulrich Sahm in Israel als Nahost-Korrespondent für verschiedenste deutsche und Deutschschweizer Medien. Im November hielt der Journalist ein Gastreferat am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. Mit seiner Kritik an der Nahost-Berichterstattung musste auch er sich einiger Kritik stellen.

Ulrich SahmMan stelle sich folgende Situation vor: Ein Korrespondent meldet sich mit einer News bei der Redaktion und fragt, ob er darüber berichten solle. Die Redaktion lehnt ab mit der Begründung, sie würden erst etwas machen, sobald es die Agenturen bringen. Da der Korrespondent mit dem Agenturjournalisten im gleichen Büro sitzt, gibt er die News dem Kollegen, dieser lässt sie über den Ticker. Danach ruft der Korrespondent wieder in der Redaktion an – und siehe da, er kriegt den Auftrag: «Die Agentur hat es eben gemeldet.»

Die Szene – sei sie nun wahr oder erfunden – beschreibt für Ulrich Sahm eines der fundamentalen Probleme, unter denen die Nahost-Berichterstattung leide und die ihn in seiner Arbeit beeinträchtige: die Agenturgläubigkeit. Direkt zu Beginn seines Referats versuchte er diese Problematik anhand eines aktuellen Beispiels darzustellen. Er griff zu folgender Agenturmeldung aus unbekannter Zeitung:

Armee gibt Warnschüsse in Richtung Syrien ab – Israel hat am Sonntag erstmals seit Jahrzehnten Warnschüsse in Richtung Syrien abgegeben. Unmittelbar zuvor habe eine aus Syrien abgeschossene Granate einen israelischen Militärposten auf den Golan-Höhen getroffen. Regierungschef Benjamin Netanjahu warnte, Israel beobachte genau die Ereignisse an seiner Grenze zu Syrien. Beim Einschlag der syrischen Granate nahe der Ortschaft Alonej Habaschan auf den Golan-Höhen am Sonntagmorgen wurde niemand verletzt, wie aus israelischen Militärquellen verlautete. Nach Angaben des israelischen Rundfunks handelte es sich bei der israelischen Reaktion um die ersten Schüsse in Richtung syrischer Streitkräfte seit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973. Damals hatte Israel syrische Angreifer vollständig aus den umstrittenen Golan-Höhen verdrängt. (afp)

Schon die ersten beiden Sätze seien fehlerhaft, fand Sahm. Israels Warnschüsse würden hier als Tatsache verkauft, die syrischen Angriffe stehen im Konjunktiv. Später folge ein Wiederspruch: „Oben hatten wir mit dem Konjunktiv erfahren, dass angeblich eine aus Syrien abgeschossene Granate eingeschlagen sei. Unten ist das Angebliche zum Fakt geworden. Man kann nur verletzt werden, wenn es auch eine Granate gegeben hat.“

„Absolut unzuverlässige Quellen“
Damit war Sahm mit seiner Kritik an dieser Kurzmeldung noch längst nicht am Ende: „Wir wissen, dass militärische Quellen – und israelische erst recht – absolut unzuverlässig sind und man denen eigentlich nicht vertrauen darf“, fuhr er fort. „Als Konsument dieser Meldung frage ich mich, wieso der AFP-Journalist nicht in dieser Ortschaft angerufen und nachgefragt hat.“

Danach wird der israelische Rundfunk als Quelle genannt. Auch dies betitelt Sahm als „Schwachsinn.“ „Woher will der Rundfunk wissen, wann, wo, wie, welche Schüsse gefallen sind? Ist das eine Autorität für eine historisch derart bedeutsame Aussage?“ Auch im letzten Satz der Agenturmeldung stimme so einiges nicht. Erst werde die syrische Armee schlicht als „Angreifer“ und dann die Golanhöhen als umstritten bezeichnet. „Das ist syrisches Territorium. Es wurde 1967 von den Israelis erobert und an diesem Status hat sich eigentlich nichts geändert seither. Alle sind sich einig, dass – gerade an den Golanhöhen – nichts umstritten ist“, argumentierte Sahm.

„Fünf Sätze und alle sind schief.“
Das Gemurmel im Publikum war nicht zu überhören. War Ulrich Sahms Kritik etwas gar pingelig? Die Reaktion folgte denn auch zugleich. Es wäre doch spannender zu erfahren, wieso der Artikel so geschrieben wurde. „Im Moment können wir doch nichts als Annahmen treffen“, bemängelte ein Zuhörer. Zudem habe der israelische Rundfunk seines Erachtens durchaus eine Legitimität, Auskunft zu erteilen. „Wenn das Schweizer Fernsehen etwas berichtet, dann ist für mich auch anzunehmen, dass das stimmt.“. Sahm konterte prompt: „Der israelische Rundfunk als solcher vermeldet nichts anderes, ausser was in seinem eigenen Haus passiert.“ In diesem Falle habe das entweder ein Historiker, ein Sprecher der Regierung oder des Militärs am Rundfunk vermeldet. „Aber es ist doch nicht der Rundfunk, der von alleine redet!“

Ein weiterer Student im Publikum schlug vor, der Konjunktiv habe sich vielleicht als Übersetzungsfehler aus dem Französischen eingeschlichen. Daran könne man sich doch nicht aufhängen. „Soweit ich weiss, werden AFP-Meldungen in Englisch verfasst und in Frankfurt ins Deutsche übersetzt. Vielleicht sollten die Redakteure dort also mal ein wenig Deutsch nachlesen“, so Ulrich Sahm. Zudem würden Agenturjournalisten besonders häufig mit dem Konjunktiv spielen, auch mit politischen Absichten. „Da steht jemand vor einem explodierten Bus mit zwanzig Toten, sieht das und schreibt, es habe zwanzig Tote gegeben. Der kann noch nicht mal sagen, er habe das mit eigenen Augen gesehen.“ Leider ging Sahm nicht weiter darauf ein, wie sich diese politischen Absichten im Konjunktiv denn äussern.

Agenturgläubigkeit – ein grosses Problem
Sahm fuhr fort mit weiteren Beispielen aus seiner langen beruflichen Laufbahn. Von diversen Falschmeldungen über die Bildauswahl, in welcher mit peinlicher Häufigkeit ultra-orthodoxe Juden mit grossen Hüten und Schläfenlöckchen abgebildet würden. Besonders häufig sei dies der Fall, wenn es um Siedlungen gehe, erklärt Sahm. „Nur, diese Siedler laufen wohl kaum so rum. Die orthodoxen Juden sind sogar gegen diese Siedlungen und haben mit denen nichts an ihrem schwarzen Hut.“
Alle seine Beispiele zielten auf einen gemeinsamen Nenner ab: „Eines der schlimmsten Phänomene in Redaktionen ist die Agenturgläubigkeit“, erklärte Sahm. Es sei ein Thema, welches ihn seit vielen Jahren beschäftige und in seiner Arbeit beeinträchtige. „Ich kann als Korrespondent vor Ort gewesen sein. Trotzdem sagen mir dann irgendwelche Redaktionen, dass laut Agenturmeldungen vor Ort alles ganz anders sei und glauben dann trotzdem der Agentur, die als Autorität den israelischen Rundfunk zitiert.“ Als Korrespondent mit vielen persönlichen Kontakten, mit fundierten Hintergrund-, Orts- und Sprachkenntnissen müsse er häufig hinter den Agenturen anstehen. „Und da habe ich mit den Redaktionen, mit deren Unfähigkeit, Schlampereien und Unwissen ein Problem.“

Geplante Atomschläge und andere „Idiotien“
Immer wieder erwähnte Sahm auch, dass er sich des Öfteren bei Redaktionen melde, sobald er einen Fehler in der Berichterstattung entdecke. Auf die Frage, mit welchem Ziel er dies tue meinte er nur: „Wenn ich sehe, wie eine Zeitung wieder eine absolute Idiotie veröffentlicht, dann habe ich ein bisschen Mitleid und empfehle eine Richtigstellung, damit sie sich nicht lächerlich macht.“

Von Seite der Dozierenden kam schliesslich die Frage, ob diese Probleme der Berichterstattung wirklich nur israelspezifisch seien, oder ob sie nicht viel mehr ein Ausdruck für schlechten Journalismus seien; für unsorgfältiges Arbeiten und einen fahrlässigen Umgang mit Propaganda und öffentlicher Kommunikation.

„Dem israelischen Staat wird einiges unterstellt, aus emotionalen, nicht ganz sauberen Gründen“, meinte Sahm. So unterstellten die Medien Israel, einen Atomschlag gegen Iran zu planen, obwohl wir gar nicht wüssten, ob Israel überhaupt Atomwaffen besitze. Leider versäumten sowohl Studierende, als auch Dozierende Ulrich Sahm an dieser Stelle mit den Aussagen von Mordechai Vanunu oder der jüngsten Berichterstattung des Spiegels (um nur zwei Beispiele zu nennen) zu konfrontieren. Sahm beendete sein Referat stattdessen in leicht ironischem Ton und mit den Worten: „Die Israeli, die Juden wollen den Weltuntergang herbeiführen. Das steckt dahinter.“ Dies sei der übergreifende Ton der Unterstellungen am Jüdischen Staat. Besonders in Bezug auf Israel bestehe hier nachweislich ein Problem.

Ulrich Sahm ist zweifellos eine spannende Persönlichkeit und einer der erfahrensten Korrespondenten im Nahen Osten, doch dieses Referat hinterliess einen bitteren Nachgeschmack. Studierende und Dozierende waren sich einig, dass seine Kritik teilweise zu pedantisch war. Hinzu kam, dass er viele Äusserungen im Raum stehen liess: die Unterstellung von politischen Absichten in Agenturmeldungen, die kritisierte Bildauswahl oder die Thematik der israelischen Atomwaffen. Vielleicht ist Sahm schon so lange im Geschäft, sodass diese Probleme zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Den Redaktionen wirft er eine pauschalisierende und unterkomplexe Berichterstattung vor, doch auf seine Kritik hätten diese beiden Stichworte ebenfalls zugetroffen.

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