„Ein Leserrat ist kein Wunschkonzert“

von Lea Hartmann

Feigenblatt oder gelebte Feedback-Kultur? Die Wirksamkeit von Leser- oder Publikumsräten ist unter Chefredaktoren und Medienwissenschaftlern umstritten. Nur wenige Medien leisten sich heute noch ein solches Gremium. „Wir Journalisten wissen schliesslich selbst am besten, wie man eine Zeitung macht“, sagt ein Redaktionsleiter.

Leserrat Thurgauer Zeitung

Kein Kaffeekränzchen: Der Leserrat der Thurgauer Zeitung bei seiner Sitzung im Juni 2011.
Bild: Nana do Carmo/TZ

„Dieser Leserrat wird helfen, diese Zeitung künftig noch besser zu machen“ – Unter diesem Motto rief der „SonntagsBlick“ im Frühling 2012 seinen neuen Leserrat ins Leben. So gross die geschürten Erwartungen, so ernüchternd lautet heute ein erstes Fazit: „Der Wirkungsgrad des Leserrats ist wahrscheinlich minim“, sagt Leserrats-Mitglied Corinne Schuoler. „Es sind Nuancen, die wir vielleicht verändern können.“

Von einem „bescheidenen Einfluss“ von Leserräten spricht auch Medienwissenschaftler Roger Blum. „Leserräte stehen nur in Kontakt mit der Redaktion, nicht aber mit der Gesamtleserschaft“, begründet er. Ausserdem bekleide ein Leserrat eine rein beratende Funktion, die Redaktion habe keinerlei Verpflichtungen, Konsequenzen aus den Vorschlägen des Rates zu ziehen. Diesen Eindruck bestätigt Michael Hug, Chefredaktor der „Berner Zeitung“. Er hält wenig von Leserräten: „Sie sind vermutlich gut gemeint, aber letztlich doch eher Feigenblätter, mit denen eine Zeitung vorgeben kann, die Anliegen der Leserschaft ernst zu nehmen“, sagt er. Bei der „Berner Zeitung“ kümmere sich eine spezielle „Forum“-Redaktion um sämtliche Lesermeldungen. Das Ressort trage die Anliegen der Leser in die Redaktion und sorge dafür, dass die Leser eine Rückmeldung erhalten. „Das bringt uns mehr als sporadisch bei Kaffee und Kuchen tagende Leserräte.“

Gut fürs Image
Ist ein Leserrat tatsächlich nur ein nettes Kaffeekränzchen? In der Theorie sicher nicht. „Ein Medium, das sich in Frage stellen lässt, wirkt glaubwürdiger“, weiss Medienwissenschaftler Blum. Nebst dem positiven Einfluss auf das Image sollte der Leserrat aber auch eine wichtige Funktion als medienkritisches Kontrollorgan erfüllen. „Über einen Leserrat wird eine Debatte strukturiert“, erläutert Blum. Im Web seien die Feedbackmöglichkeiten zwar vorhanden, die Rückmeldungen erfolgten dort jedoch nur punktuell und unstrukturiert. „Das Web ersetzt weder Leserräte noch Ombudsstellen“, ist Blum überzeugt. Diese hätten in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt. „Es fand ein Strukturwandel weg von den Leserräten hin zu den Ombudsstellen statt“, stellt Blum fest. Den grössten Unterschied zwischen den beiden medienkritischen Institutionen bilde dabei die Einstellung der Leser: „Leserräte sind in der Regel zufrieden – bei Ombudsstellen hingegen kommen diejenigen zum Zug, die sich ärgern.“ Nach Blums Ansicht kann eine Ombudsstelle einen Leserrat problemlos ersetzen. Aber: „Lieber ein Leserrat als gar nichts.“ Zentral sei die Einsicht einer Redaktion, dass Kritik aus dem Publikum ernst genommen werden müsse.

„Meet and Greet“ mit Gölä
Wie ernst der „SonntagsBlick“ seinen Leserrat nimmt, ist fraglich. Leserrats-Mitglied Corinne Schuoler erzählt begeistert vom zweitägigen Workshop im vergangenen Mai: „Wir bekamen eine Führung durch den Newsroom, sahen Gölä und konnten den Ressortverantwortlichen sagen, was wir gut und was schlecht finden.“ Von der angebrachten Kritik seien dann aber nur vereinzelte Punkte ansatzweise verändert worden. Die Redaktion selbst wollte keine Stellung nehmen. Der stellvertretende Chefredaktor Philippe Pfister schreibt, er werde informieren, sobald er „den Zeitpunkt dafür als richtig erachte“. Dies scheint momentan nicht der Fall zu sein. Ringier-Sprecher Edi Estermann bestätigt einzig, dass das zweite Leserrats-Treffen, das im November hätte stattfinden sollen, bereits mehrfach verschoben worden sei. „Es wird – nach Konstituierung der neuen Chefredaktion – im Frühjahr stattfinden“, sagt er.

Der „SonntagsBlick“ hatte bereits 2008 einen Leserrats-Versuch gestartet – nach wenigen Sitzungen ging dieser jedoch sang- und klanglos ein. „Uns wurde nie gesagt, dass es den Leserrat nicht mehr gibt“, erzählt das ehemalige Mitglied Nina Brauchli. „Wir haben einfach nichts mehr gehört.“

Auch die Berner Tageszeitung „Der Bund“ hatte seinen Leserrat 2006 nach nur zwei Jahren wieder aufgelöst. Einer der Gründe dafür war der Widerstand von Seiten des Verlags: „Er meinte, es sei schädlich, wenn wir in der Zeitung Kritik am eigenen Blatt veröffentlichen“, erklärt Blum, ehemaliger Co-Präsident des Rates. Auch Sparmassnahmen trugen zum frühzeitigen Aus des Gremiums bei.

Leserrat als Katalysator
Positive Erfahrungen mit einem Leserrat macht David Angst, Redaktionsleiter der Thurgauer Zeitung. Seit drei Jahren verfügt das Blatt über einen Leserrat. Zu Beginn war Angst jedoch eher skeptisch: „Ich fand damals, dass wir keinen Leserrat brauchen. Wir wissen ja selbst, was gut ist und Türen und Telefonleitungen sind für die Leser immer offen.“ Als die Thurgauer Zeitung 2011 nach dem Wechsel von Tamedia zur NZZ-Gruppe neu herauskam, habe sich der Leserrat jedoch als ein wichtiges Gremium erwiesen. „Er war eine Art Katalysator, damit die Bevölkerung merkt, dass es eine Institution gibt, die stellvertretend für alle anderen Dampf ablassen kann.“ Wie hoch der Wirkungsgrad des Leserrats als medienkritische Institution ist, scheint aber auch im Fall der Thurgauer Zeitung fragwürdig. Die Redaktion habe ein paar strukturelle Anpassungen vorgenommen, inhaltlich sei aufgrund der Kritik des Leserrats aber noch nie etwas verändert worden, gibt Angst zu. „Wir Journalisten wissen schliesslich selbst am besten, wie man eine Zeitung macht“, sagt er. Inputs von Seiten des Publikums seien zwar wichtig – „sie sind aber auch kein Wunschkonzert!“

Das einzige Publikumsorgan, das in der Schweiz tatsächlich etwas zu sagen hat, ist der Publikumsrat des Schweizer Radio und Fernsehens SRF (siehe hierzu „Wie kritisch ist der Publikumsrat?“). Er hat Mitspracherecht bei Programmentwicklungen, beurteilt mehrmals jährlich systematisch einzelne Sendungen und veröffentlicht dazu Stellungnahmen. Doch auch er waltet, wie der Rat auf seiner Homepage betont, als rein konsultatives Gremium. Denn kritisieren darf jeder – ob sich etwas ändert, liegt jedoch nicht mehr in der Hand von Lesern und Publikum.

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