Unwissenschaftlich und spontan

von Corinne Riedener

Oft erreicht Medienkritik nur interessierte und sensibilisierte Fachkreise. Eine breitere Öffentlichkeit, die Medienkonsumentinnen und -konsumenten, erfahren davon wenig. Mit ihrem Medientagebuch gibt die Wochenzeitung WOZ Gegensteuer. Prominent platziert auf der letzten Seite steht jede Woche eine Medienthema im Fokus. Doch was genau vermag diese Rubrik zu leisten unter dem Titel der Medienkritik?

Das Medientagebuch der WOZ ist zugleich Carte blanche, Kommentar und auch journalistische Geschichte.

Wer die WOZ liest, weiss es: Das „linke Kampfblatt“, wie es kürzlich vom Blick betitelt wurde, bietet nicht nur System-, sondern ebenso regelmässig Medienkritik. Zu finden ist diese aber relativ gut getarnt auf der letzten Seite. Gut getarnt deshalb, weil das „Medientagebuch“ zugleich Carte blanche, Kommentar und auch journalistische Geschichte ist. Doch taugt dieses Format auch zur Medienkritik?

Zunächst ein Blick auf die Themen im „Medientagebuch“: Da wären zum Beispiel ein Text zu den Übergriffen auf JournalistInnen in Griechenland. Oder einer über die Wahlberichterstattung in den US-Medien. Oder man sinniert über die Selbstgespräche eines gealterten deutschen Dichters. Von Zeit zu Zeit greifen die meist alternierenden AutorInnen auch nationale Aspekte auf. Sie loben (ja, Kritik muss nicht immer negativ sein) das Aargauer Mitmach-Radio Kanal K. Oder sie schreiben über das Theater um die BaZ. Ein breites Spektrum also.

Profilierte Medienkritiker (Medienkritikerinnen sind ja leider in etwa so rar wie veröffentlichte Selbstkritik im eigenen Blatt) würden diese Themenwahl wahrscheinlich als „Kraut und Rüben“ bezeichnen. „Und das soll es eigentlich auch sein“, sagt der WOZ-Redaktor, Initiant und „Babysitter“ des Medientagebuches, Stefan Keller. „Wir wollen nicht nur über die Schweizer Presse- und Medienlandschaft berichten, sondern offenbleiben für internationale Themen und Zusammenhänge.“ Wieso auch nicht – das Blatt hat schliesslich auch eines der hintergründigeren Ausland-Ressorts.

Aufklärung statt Verklärung
Und wie sieht es mit dem Konzept aus – gibt es konkrete journalistische Qualitätskriterien, auf die Bezug genommen wird? Nicht wirklich. Aber das ist gar nicht nötig – zumindest nicht, wenn es nach Keller geht: „Wir wollen bewusst über Medien im weiteren Sinn berichten.“ Und wieso? „Das Medientagebuch ist in erster Linie den Lesern gewidmet, nicht den JournalistInnen.“ Vielmehr als die Fachkritik unter Berufskollegen liege ihm der aufklärerische Gedanke am Herzen. Darum erzähle das Medientagebuch auch immer eine kleine Geschichte. „Unsere Leser – und wir selber – wollen verstehen, wie Informationen zustande kommen und die grösseren Zusammenhänge erkennen. Moralische Standards und Erklärungen der Rechte und Pflichten von Journalisten sind dabei eher zweitrangig“, sagt Keller, der auch der Branchen-Präsident für Presse und elektronische Medien der Gewerkschaft Syndicom. Wieso auch nicht? Medienkritiker jammern schliesslich ständig darüber, dass ihr Metier darbt, weil ihre Kritik nur Fachleute erreicht. Kein Wunder, denn vielen LeserInnen dürften die Tränen kommen, wenn man ihnen das viel zitierte Zwiebelmodell unter die Nase reibt (falls Sie nicht wissen, was das ist, sind Sie keine MedienkritikerIn. Halb so schlimm).

Appellative und besserwisserische Kritik
Steht Keller also auf Kriegsfuss mit den Verfechtern der Medienkritik? Nicht unbedingt, aber er hat Vorbehalte gegenüber der akademischen Medienkritik: „Sie krankt, weil sie sich oft appellativ und besserwisserisch an Medienschaffende richtet.“ So bestehe die Gefahr, dass man sich in ein Korsett zwänge. „Als Journalist – egal ob alt oder jung – muss man manchmal Grenzen sprengen und Dinge ausprobieren, die vielleicht nicht ganz in Ordnung sind.“ Und er muss es wissen: Seine erste grosse Geschichte konnte er nur realisieren, weil er Akten aus einer psychiatrischen Einrichtung klaute – eine Tat, die wahrscheinlich so manchem Medienkritiker Anlass zur Rüge gegeben hätte.

Vom Kollektiv fürs Kollektiv
Also was denn nun – Medienkritik oder nicht? „Selbstverständlich braucht die WOZ ein Gefäss wie das Medientagebuch“, sagt Keller. „Gerade in Zeiten, in denen das Verschwinden der Medienkritik beklagt wird, lohnt es sich, wenn über Medien und medial vermittelte Wirklichkeiten reflektiert wird.“ Der WOZ-Redaktor will das aber aus der Praxis heraus tun. Nicht mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern journalistisch spontan, aber trotzdem genau und so verpackt, dass sie sowohl für Medienschaffende als auch für alle anderen LeserInnen attraktiv ist. „Deshalb braucht es diesen prominenten Platz, den narrativen Zugang und auch die wechselnden Autoren“, sagt er. Wieso auch nicht – die WOZ ist genossenschaftlich organisiert, also ein Kollektiv. Eigentlich ist es doch nur konsequent, dass das Medientagebuch vom WOZ-Autorenkollektiv betrieben wird. Und dass sie fürs Kollektiv der LeserInnen schreiben und nicht nur für eine kleine Gruppe von Fachleuten. So dürfte sie am ehesten eine breite Öffentlichkeit erreichen und somit den Diskurs anregen. Jetzt fehlen nur noch einige Frauen, die sich dem Medientagebuch annehmen. In diesem Jahr waren es nämlich nur zehn von insgesamt 52 Tagebucheinträgen jährlich.

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