Gegen „journalistische Masturbation“

von Christoph Ruckli

Der Pop- und Rock-Journalismus dümpelt in der Schweiz vor sich hin. Eine öffentliche Diskussion, was Musikkritik leisten soll und muss, findet nicht statt. Dabei wäre sie längst angebracht: Abgehobene Kritiker und der schädliche Einfluss der Musikindustrie auf eine unabhängige Berichterstattung rufen regelrecht danach. Zwei Schwergewichte der Szene nehmen Stellung.

Hanspeter Künzler

Hanspeter Künzler

Schweizer Musikjournalisten haben eine gespaltene Einstellung zur Kritik an der Musikkritik. „Das Publikum will über Musik informiert werden und sich nicht mit den Streitereien unter Journalisten auseinandersetzen müssen“, meint Hanspeter Künzler. Der „Sounds!“-Redaktor, wohnhaft in London, sieht den kleinen Markt und die kleine Szene der Musikjournalisten in der Schweiz als Grund für die ausbleibende Kritik untereinander. Ausserdem hält er wenig von Kritik einzig um der Kritik willen: „Kritik ist nur dann sinnvoll, wenn sie Teil einer Debatte ist.“ Genau diese Debatte müsste aber in der Schweiz angestossen werden.

Das findet auch Bänz Friedli. Der Berner Journalist hat 25 Jahre hauptberuflich über Popmusik geschrieben, unter anderem für das inzwischen eingestellte Nachrichtenmagazin „Facts“ und für „Das Magazin“. Für ihn ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Pop-/Rock-Journalismus unabdingbar. Besonders zwei Probleme treten immer häufiger auf. Etablierte Kritiker entfernen sich laut Friedli vom Normalpublikum. Sie entglitten teils in „journalistische Masturbation“, geprägt von einer elitären Haltung.
Weiter durchtränken immer häufiger Metaphern und Phrasendrescherei die Musikberichterstattung. Leere Worthülsen, wie „asiatisch anmutende Melodien“ oder „gaukelnde Gitarren“ sind nur zwei Beispiele. Damit wird oft auch musikalisches Unwissen kaschiert.

Noch dramatischer ist die Nähe zur Industrie. Im Falle des Berner Mundart-Rockers Gölä arbeiten beispielsweise Universal und Ringier eng zusammen. Der Medienkonzern organisiert über Tochterfirmen Werbung und Ticketverkauf. Da ist unabhängige Berichterstattung kaum mehr möglich. Der PR-Druck durch Medienpartnerschaften und Exklusivdeals verfälschen die Musikkritik. Fehlendes Grundwissen und mangelndes Interesse am Thema, sowie bescheidene finanzielle sowie zeitliche Ressourcen sorgen immer häufiger dafür, dass Promo-Texte unverändert den Weg in die Medien finden. Diese Nähe zur Musikindustrie und deren Einfluss kritisieren sowohl Künzler als auch Friedli. Doch wie geht man das – offensichtliche und bekannte – Problem an?

Der Wunsch nach angemessener Kritik

Angemessene Kritik bestehe aus einem Dialog zwischen Leser und Redaktoren, sagt Künzler. Gerade beim Schreiben können Musikjournalisten so intensiv wie nirgendwo sonst in die Musik eintauchen. Kommentarfunktionen und Leserbriefe bieten dann wiederum dem Publikum eine ideale Möglichkeit für Rückmeldung. Doch dem Schweizer Publikum ist die Debatte über Musik anscheinend egal. „Das ist nicht so wie in England, wo es über Dekaden hinweg drei, vier, ja noch mehr wöchentliche Publikationen gab, die sich nur mit Musik beschäftigten“, sagt Künzler. „Da konnten sich Schreiber profilieren, sie hatten viel Platz, ihre Meinungen als Kritiker und Theoretiker breitzuschlagen.“ Es gab Debatten über Sinn und Unsinn gewisser Stilrichtungen oder den Wert von gewissen Alben in den Zeitungen, das Publikum schaltete sich über die Leserbriefseite ein und lebhafte Diskussionen entwickelten sich.

Aber in der Schweiz fehlen laut Künzler der Platz und die Plattformen. Dabei, räumt der „Sounds!“-Redakteur ein, hätte er nichts dagegen, selbst auch kritisiert zu werden. Er fände es sogar durchaus nützlich, wenn Kritiker ihm andere Perspektiven aufzeigen würden. Was hingegen lächerlich und bisweilen nervig wirkt, sind jene Fans, die ihre Lieblingsband vehement verteidigen und dem Fachmann mangelndes Sachverständnis vorwerfen.

Bänz Friedli wiederum sieht für sich in der reinen Kritik beziehungsweise dem Verriss keine Lösung mehr. Musikjournalismus ist eines seiner zahlreichen Projekte neben Tätigkeiten als Hausmann, Autor und Kolumnist. Trotzdem arbeitet er an einem Text, der sein Dasein als Musikkritiker reflektieren soll. Darin will Friedli aufzeigen, wie es ist, Musik „von Berufes wegen“ zu besprechen und nicht bloss aus Vergnügen zu konsumieren, wie die meisten es täten. Und weshalb es ihn nicht mehr interessiere, ob Musik gut oder schlecht sei. Sondern was sie ihrem spezifischen Publikum gibt und was dieses in ihr erkennt. Vielleicht ein erster kleiner Schritt zu einer Debatte über den Musikjournalismus im 21. Jahrhundert.

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Über Matthias Giger

https://infowiss.ch Öffentlichkeitsarbeit und Statistik Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen Master of Science in Business Administration mit Schwerpunkt Informations- und Datenmanagement, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur. Journalist / Redaktor beim Toggenburger Tagblatt, Wattwil. Zwei Praktika auf Web-Redaktionen Zukunftsinstitut GmbH und VR LEASING AG, nahe Frankfurt am Main. Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc.

Ein Gedanke zu „Gegen „journalistische Masturbation“

  1. Jean-Pierre E. Reinle

    Tja, beiden oben erwähnten Herren kann durchaus ein spannender Lebenslauf attestiert werden: Deren CV’s haben andererseits mit vielen Talenten, bloss wenig bis nichts mit Musik zu tun!
    Wieso ich als jahrzehnte-langer, vielseitigst versierter und virtuoser Musiker der klassischen, Latin-, Bossa-, Barock-, Flamenco- und Rock-Gitarre mit 3 CDs auf dem Markt (und zuletzt im Herbst ’13 auf 3-monatiger Mini-D-CH-Tournee als Lead-Gitarrist der Skandalnudel GUNVOR) zu diesem Urteil gelange? Weil ich weder in der Aus- noch Weiterbildung von Künzler und Friedli auch nur das geringste musikalische Engagement in der Praxis erkennen kann! Wenn ich den Beiden eine meiner fünf Gitarren (klassisch, Flamenco, akustisch 6- und 12-saitig, elektrische Fender Stratocaster Plus) in die Hände drücken würde, erklängen dabei – wenn überhaupt – allerhöchstens ein paar belanglos ‚runtergeschrammelte Akkorde. WOHER, frage wohl nicht nur ich mich, legitimieren sie denn ihr vermeintliches Experten-Wissen? Haben sie auch nur die geringste Ahnung davon, wieviel permante Uebung dazu notwendig ist, um nur schon an den rein spiel-technischen Widerständen welchen Instrumentes auch immer zu wachsen? Mithin die Entwicklung vom blossen Begleit-Musikanten zum zumindest anerkannt kompetenten Musiker im wahrsten Sinne des Wortes zu schaffen? Denn bekanntlich beruht der Erfolg eines echten Musikers auf 10% Talent und 90% kontantem Ueben!
    Künzler und Friedli würdigen oder kritisieren oftmals blosse Musikusse (die höchste Ansprüche erwartende Berufsbezeichnung MUSIKER sollte eh nur Klassikern, Jazzern, Rock-Jazzern und Rock-Musikern zuerkannt werden!) als blosse Zuhörer absolut SUBJEKTIV. Ganz im Gegensatz zu Kritikern klassischer Musik, die vorab einen musikalischen Werdegang nachweisen müssen – ein seriöser Denkansatz!

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