„’Pro Israel‘ bedeutet heute automatisch Propaganda“

Florian Bodoky interviewte Sandra Hoffmann

Audiatur et altera pars – man möge auch die andere Seite hören: Unter diesem Motto setzt sich seit einem Jahr eine gleichnamige Stiftung für eine „konstruktive Auseinandersetzung“ mit dem Nahost-Konflikt ein. Mit Beiträgen auf ihrer Website, sowie öffentlichen Auftritten möchte „Audiatur“ der aus ihrer Sicht zunehmend einseitigen Nahost-Berichterstattung entgegenwirken. Zum Selbstverständnis der Stiftung äussert sich „Audiatur“-Geschäftsführerin Sandra Hoffmann.

Sandra Hoffmann

Die Stiftung Audiatur will Medienbeiträge, die sie für unausgwogen hält mit Fakten und nicht berücksichtigten Einflussfaktoren ergänzen und so dem Leser eine objektivere Sichtweise auf die komplexen Verhältnisse im Nahen Osten ermöglichen. So etwa im Falle der Seeblockade Israels im Sommer 2011, oder ihrer umstrittenen Siedlungspolitik, als „Audiatur“ die Berichterstattung der NZZ kritisierte.

Seit gut einem Jahr gibt es nun die Stiftung „Audiatur“ und die Plattform „audiatur-online.ch“. Wo sehen Sie die Aufgabenfelder von „Audiatur“?
Sandra Hoffmann: Hauptsächlich betreiben wir in der Schweiz Medienbeobachtung und Medienkritik in Bezug auf Israel und den Nahost-Konflikt, weswegen wir auch diese Plattform ins Leben gerufen haben. Man muss aber festhalten, dass die Plattform im Internet nur eines unserer Instrumente ist. Die Mitarbeiter der Stiftung sind auch „offline“ in unserer Sache unterwegs. Weil die Medien bei „Audiatur“ aber im Fokus stehen, konzentrieren wir uns auch hinter den Kulissen darauf. Das bedeutet: Wir kontaktieren Medien, wenn wir uns an einem Diskurs beteiligen möchten, oder Kritik anbringen möchten. Wir versuchen, den Medien so unsere Informationen und unsere Anliegen mitzuteilen. Zusammenfassend sehen wir unsere Aufgabe in einer fairen, ausgewogenen Berichterstattung zum Thema Naher Osten im Allgemeinen und Israel im Speziellen.

Auch in der Schweiz wird beinahe täglich in einem gewaltigen Umfang über die Nahost-Thematik berichtet. Nach welchen Gesichtspunkten wird denn entschieden, worauf „Audiatur“ reagiert und worauf nicht?
Zunächst muss man natürlich festhalten, dass bei Weitem nicht alles, was über Israel geschrieben wird, schlecht ist. Genauso wenig stellt jeder Bericht zum Nahost-Konflikt Israel in einem schlechten Licht dar. Dennoch ist der Platz, den diese Thematik in den Schweizer Medien einnimmt, immens. Auf alles zu reagieren, was geschrieben wird, erachten wir aber ohnehin nicht als zielführend, weil solche Kritik mit der Zeit gar nicht mehr wahrgenommen würde. Deshalb fokussieren wir uns auf Berichterstattungen, welche wirklich eklatante Fehldarstellungen enthalten, die auch bei den Rezipienten bestimmte Bilder entstehen lassen könnten. Es geht letztendlich darum, der Leserschaft einen Umstand zu vergegenwärtigen, und nicht darum, selbst im Gespräch zu bleiben.

Die Stiftung bemängelt eine zunehmend einseitige Berichterstattung zum Nahost-Konflikt – und zwar zulasten Israels. Wie zeigt sich dies?
Diese Beobachtungen beschränken sich ja nicht nur auf die Schweiz. Wir tauschen uns rege mit Organisationen in anderen Ländern aus, die in ihren Ländern ähnliche Tendenzen feststellen. Dabei spielt natürlich auch die eigene Wahrnehmung eine Rolle. Wir stellen eine zunehmende Einseitigkeit fest, besonders in jenen Artikeln, die in redaktioneller Eigenleistung entstanden sind. Hier zeigt sich diese Einseitigkeit in vielen Varianten: Wenn beispielsweise gewisse Fakten oder erklärende Umstände bei einer Berichterstattung nicht berücksichtigt werden. Auch werden oft komplexe, vielschichtige Sachverhalte auf punktuell ausgewählte Einzelereignisse reduziert und somit stark vereinfacht dargestellt. Durch solch oberflächliche Darstellungen kann es zu Verzerrungen der Realität kommen. Bei gewissen Artikeln lässt sich, trotz Objektivitätsbeteuerungen, eine eindeutige Sympathie für eine Seite feststellen, bei deren Niederschrift dann jegliche journalistischen Regeln fallen gelassen werden – leider!

Worauf lassen sich solche Entwicklungen Ihrer Meinung nach zurückführen?
Das ist quasi die Ein-Million-Franken-Frage. Dies kann an der Weltanschauung des Verfassers liegen, an der politischen Gesinnung, an Vorgaben der Redaktion, an der Kompetenz der Verfasser… Zwar wird allerorts von objektiver Berichterstattung gesprochen, aber wenn es ausschliesslich objektive Berichterstattung gäbe, warum existieren dann politisch unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen? Allerdings muss man festhalten, dass die eigene Wahrnehmung bei der Interpretation eines Artikels auch eine Rolle spielt. Kenne ich mich in der Thematik aus, bin ich in der Thematik befangen, oder bin ich nur ein normaler Zeitungsleser, der auf dem neusten Stand der Dinge sein möchte? Das bezieht sich natürlich auf beide Lager. Oftmals überschätzt eine persönlich betroffene Person die Thematik in ihrer Wichtigkeit und auch in ihrer Wirkung auf den durchschnittlichen Zeitungsleser.

Die Stiftung „Audiatur“ versucht seit einem Jahr mit eigenen Beiträgen etwas zum Nahost-Diskurs beizutragen. Wie beurteilen Sie den Erfolg Ihrer Bemühungen bis heute?
Wir stellen fest, dass wir wahrgenommen werden, was uns freut. Es gibt einige, die auf unsere Kritik positiv reagieren und dieser gegenüber auch offen sind, andere verschliessen sich dagegen. Es geht uns auch nicht nur darum, das Angebot, welches dem Leser zur Verfügung steht, zu kritisieren, sondern es durch weitere Informationen oder Sichtweisen zu ergänzen. Die Beiträge auf „audiatur-online.ch“ stammen ja nicht ausschliesslich von unserer Redaktion, sondern kommen von Gastautoren, anderen Institutionen oder Thinktanks. Dies wird wahrgenommen und genutzt, was uns natürlich freut.

Diese Wahrnehmung hat sich auch verschiedentlich in harscher Kritik geäussert*. So wurde „Audiatur-Online“ auch schon als „Propaganda-Plattform“ bezeichnet, beispielsweise von „Bund“-Chefredaktor Artur Vogel. Wie geht „Audiatur“ mit solchen Äusserungen um?
Wir freuen uns auch in solchen Fällen über die Wahrnehmung von dritter Seite, auch wenn sich diese negativ äussert. Dazu muss man sagen, dass wir nicht die einzige „Pro-Israel-Institution“ sind, die in der Vergangenheit als propagandistisch tituliert worden ist. Es existiert manchenorts die Auffassung, dass jeder, welcher eine israelfreundliche Meinung vertritt, Propagandist ist. Dies liegt auch daran, dass gewisse Kreise den israelischen Quellen, seien es die Streitkräfte, die Regierung oder sonst wer, jegliche Glaubwürdigkeit absprechen. Meldungen von dieser Quelle gelten automatisch als Propaganda, also gelten Institutionen, welche die Inhalte dieser Meldungen wiedergeben, als propagandistisch. Wenn die Stiftung in diesem Masse Kritik erntet, wird von Fall zu Fall entschieden, ob es überhaupt einer Reaktion bedarf, und ob es einer Reaktion würdig ist oder nicht. Grundsätzlich achten wir darauf, dass wir in einer angemessenen Art und Weise reagieren. Verunglimpfende Begriffe und mediale Schlammschlachten erachten wir nicht als zielführend. In der gesamten Berichterstattung empfinden wir einen offenen Dialog als hilfreicher. Allerdings sehen wir uns immer wieder mit solcher Kritik konfrontiert, und dies wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern.

Ein Gedanke zu „„’Pro Israel‘ bedeutet heute automatisch Propaganda“

  1. Matthias Giger Beitragsautor

    Tut mir leid, lieber Florian Bodoky. Aber dieses Interview ist nicht gerade kritisch – wie 90 Prozent aller Interviews, egal zu welchem Thema. Für eine Institution, die Partei ist, ist es ein Steilpass zur Selbstdarstellung. Der wird auch in diesem Fall dankbar angenommen. Informativ ist es zwar. Als Rechercheinterview taugt es. Aber die gestellten Fragen wären eigentlich Teil der Recherche, die man abgeschlossen haben sollte, wenn der Interview-Termin ansteht. Oder man macht ein zweites Interview. Beispielsweise mit Artur Vogel, in welchem er Stellung nehmen kann.

    Ein interessanter Bericht zu einem ähnlichen Thema – meiner Meinung nach ausgewogen, denn der angeschuldigte Publizist hätte zumindest die Möglichkeit gehabt, Stellung zu nehmen. Er wollte aber nicht: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/augstein133.html

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