„Keinerlei Hemmschwellen“

von Jean-Pierre Carène

Simone Meier ist Kulturredakteurin beim Tages-Anzeiger. Ihre Spezialgebiet: TV-Kritik. Welche Sendungen sie beurteilt, entscheidet sie selber. Die Resonanz auf ihre Kritik ist gross.

Simone Meier

Vor einigen Tagen kam Simone Meier vom TV-Serien-Festival „Séries Mania“ aus Paris zurück. Als Mitglied der internationalen Jury zeichnete sie die beste französische Produktion aus. Neben den Vorschauen der Serien, welche in nächster Zeit ausgestrahlt werden, interviewte Meier auch Filmschaffende wie die polnische Regisseurin Agnieszka Holland, die in Paris für ihren Dreiteiler „Burning Bush“ warb. Meiers Highlight war aber die Pressekonferenz mit Oscarpreisträger Tom Stoppard: „Ihm zuzuhören war grossartig.“

„Schaue viel und gern“
Kaum jemand gibt gerne zu, viel fernzusehen. Für die Tages-Anzeiger-Kulturredaktorin ist es aber kein Problem zu sagen: „Ich schaue gerne und viel fern.“ Es ist schliesslich ihre Arbeit. Für die Rubrik „Sendungsbewusst“ versuchen sie und ihr Kollege Christoph Schneider Inhalte, die nicht zusammengehören in einem Wochenrückblick aus televisionären Seltsamkeiten nebeneinanderzustellen.

Alles von Rosamunde Pilcher
Dabei sei es wichtig, auch Trash-TV-Formate zu schauen und zu kritisieren, sagt Simone Meier. „Neben der Tagesschau, dem Tatort, gelegentlichen Sportereignissen und restlos allem von Rosamunde Pilcher, sind genau diese Sendungen die meistgesehenen.“ Und diese Sendungen würden auch am gezieltesten die Emotionen der Zuschauer steuern. Eine TV-Kritikerin dürfe eben keinerlei Hemmschwellen haben. Auch viel Seherfahrung und Interesse an medienwissenschaftlicher Literatur empfehle sich.

Für eine gute TV-Kritik müsse man „analysieren, analysieren, analysieren“, was da eigentlich passiere und welche Rückwirkungen dies auf das Publikum habe. „Enorm viele TV-Macher sind die allergrössten Zyniker und enorm viele Zuschauer vollkommen naiv“, und das müsse man aufzeigen.

Eine ganze Welt
„Aus dem Fernseher springt einem quasi Sekunde für Sekunde eine ganze Welt an Ideen, an Kuriositäten oder auch einfach nur Unterhaltung entgegen“, kein anderes Kulturgenre könne da mithalten, sagt Meier.

Die TV-Kritik sei innerhalb der Kulturberichterstattung ein gern und viel gelesenes Genre, da die meisten Leute einen Zugang dazu hätten, wie zu nichts anderem. „Fernsehen ist etwas, das immer präsent ist und immer Themen generiert, über die man schreiben kann.“
Ihre TV-Kritik solle intelligente Unterhaltung bieten und eine Reflexion des eigenen Fernsehverhaltens provozieren, sagt Meier. „Der Leser soll auch Erkenntnisse darüber gewinnen, wie die Welt des Fernsehens funktioniert, die wiederum ein nicht zu unterschätzendes Stück Lebenswelt von den meisten von uns ist.“

Reizthema SRF
Wenn es um das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) gehe, gebe es auch von den Lesern viel Resonanz. Dann werde sie gar auf der Strasse darauf angesprochen. „Kommen Schweizer TV-Prominente positiv in einem Artikel oder einer Kolumne vor, melden sie sich sofort und bedanken sich“, sagt Meier.

Ihr glücklichster Moment als TV-Kritikerin war dann auch eine solche Reaktion: Ein TV-Macher des Schweizer Radio und Fernsehens sagte zu ihr: „Wenn ich ihre Artikel lese, weiss ich endlich, was wir hier überhaupt machen.“

Kein TV-Kind
Schon als Kind schaute Simone Meier gerne fern. Bücher waren ihr dennoch wichtiger. „Die Fernsehhöhepunkte des Jahres waren immer die Skirennen, dann assen wir zusammen vor dem Fernseher. Ich habe das sehr genossen.“ Erst als Simone Meier mit 27 Jahren nach Zürich in ihre erste eigene Wohnung zog, fing sie an regelmässig fern zu sehen. „Das war wie ein Paradies, und ich habe ganze Wochenenden vor dem Fernseher verbracht.“ Dabei hätte sie sich restlos alle angesehen: Filme, Serien, MTV, Castingshows und so weiter.

Zuvor, in einer Basler Wohngemeinschaft, kam sie kaum dazu. Zwar stand schon in dieser Wohnung ein Fernseher, dieser wurde aber „nur zwischen 18 und 19 Uhr für den Marienhof und Verbotene Liebe benutzt“, so Meier.

Seit sie vor sieben Jahren mit ihrer Partnerin zusammengezogen ist, hat sich ihr TV-Verhalten verändert. Sie schaue geregelter und wählerischer, aber immer noch viel und gern.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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