Klare Regeln vereinfachen die Arbeit

von Lian Voggel

Die Arbeit der Medienjournalisten wird dadurch erschwert, dass sie selbst Teil des Systems sind, über das sie berichten. Klare Regelungen entschärfen die Probleme, die dieses professionelle Handicap mit sich bringt. Klaus Bonanomi, Wirtschaftsredaktor mit Fachgebiet Medien bei Radio SRF, kennt dieses Dilemma. Er fühlt sich in seiner Arbeit aber deshalb nicht eingeschränkt.

SRF-Publizistische-Leitlinien

Die Aufgabe von Journalisten und insbesondere auch Medienjournalisten ist es Transparenz herzustellen und über bestimmte Vorgänge auf seinem Themengebiet aufzuklären. Für Medienjournalisten ist dies ungleich schwieriger, weil er selbst Teil des Systems ist, über das er berichtet. Dieses professionelle Handicap gilt als blinder Fleck aus dem Selbstbeobachtungsfallen (siehe Kasten) resultieren können.

Medienthemen für das Publikum
Bei Schweizer Radio SRF beschäftigen sich vier Redaktoren mit einem Teil ihres Pensums mit Medienthemen. Auch sie sind mit dem blinden Fleck und den daraus resultierenden Selbstbeobachtungsfallen konfrontiert. Da es beim Schweizer Radio keine eigene Mediensendung gibt, liegt es an den Medienjournalisten sich einen der knappen Sendeplätze für ihr Medienthema zu erkämpfen. Klaus Bonanomi, Wirtschaftsredaktor mit Fachgebiet Medien beim Schweizer Radio sagt: „Es besteht eine hohe Themenkonkurrenz und Medienthemen scheitern immer wieder am Einwand der Senderedaktionen, dass Medienthemen doch nur für Journalisten interessant seien und nicht für das breite Publikum. Gegen diese Meinung kämpfe ich an.“ Mit diesem Ansatz will er auch der Kollegenorientierung entgehen: Er versucht sich daran zu orientieren, was das Publikum interessiert und auszublenden, was die Kollegen über die Berichterstattung denken könnten.

Medienjournalismus kämpft mit knappem Sendeplatz
Eine Gefahr für die Medienberichterstattung beim Schweizer Radio durch mangelnde Unabhängigkeit sieht Bonanomi nicht. Auch beschränkte finanzielle Mittel und Arbeitszeit seien nur ein nebensächliches Problem: „Natürlich würden wir gern mehr über Medien berichten, aber unser Hauptproblem sind tatsächlich die Knappheit der Sendeplätze. Wir können nicht einfach wie eine Zeitung eine Seite mehr drucken.“ Was die Themensetzung angehe, sei er frei und spüre auch keine Zensur. Lediglich Berichterstattung über das eigene Haus müsse mit der Chefredaktion abgestimmt werden. Und genau hier, wo die 160 Seiten umfassenden publizistischen Leitlinien von SRF sich explizit dem Medienjournalismus widmen, schränken sie die Berichterstattung über das eigene Medium ein: „Über die SRG und SRF berichten wir zurückhaltend, jedoch nach den gleichen journalistischen Kriterien wie über andere Unternehmen. Die Berichterstattung über interne Vorgänge ist mit der Chefredaktion abzusprechen.“ Doch Bonanomi relativiert. Die Chefredaktion habe bisher noch nie Einfluss auf die Berichterstattung genommen oder die Stossrichtung verändert, sondern leiste höchstens sachliche Kritik.

Die Grenzen der Leitlinien
Die publizistischen Leitlinien von SRF, wie auch diejenigen anderer Medienunternehmen, basieren auf den Vorstellungen der Unternehmung, die nicht zuletzt ökonomischer Natur sind, und decken sich nicht unbedingt mit dem Interesse des Medienjournalismus. Da die Medienberichterstattung in vielen Fällen jedoch den gleichen Grundsätzen folgt, wie andere Berichterstattung, bieten die publizistischen Leitlinien im Alltag Orientierung: Es macht grundsätzlich keinen Unterschied, ob über Medien oder einen anderen Gegenstand berichtet wird.

Der Medienjournalismus riskiert immer wieder in sogenannte Selbstbeobachtungsfallen zu tappen. Gemäss Meier/Weichert (Journalismus Bibliothek, Band 8, Medien) sind darunter folgende fünf Situationen zu verstehen:
  • Definitionsfalle: Sie resultiert aus der Fragestellung, worüber der Medienjournalist überhaupt berichten soll.
  • Rollenkontextfalle: Sie ergibt sich aus der Funktion des Medienjournalisten, die sich leicht überspitzt mit der eines allseits bekannten Spions vergleichen lässt. Einerseits arbeitet er in einer Redaktion, wo er von den anderen Journalisten als Kollege wahrgenommen wird, andererseits soll er aber unabhängig über seine Kollegen berichten.
  • Unabhängigkeitsfalle: Sie entsteht durch wirtschaftliche Abhängigkeit der Journalisten von ihrem Arbeitgeber.
  • Vermittlungsfalle: Ihre Ursache liegt in der Fehlannahme begründet, dass Medienthemen ein Special-Interest-Gebiet seien und entsprechend behandelt werden, anstatt ein breites Publikum anzusprechen
  • Selbstverständnisfalle: Sie rührt daher, dass sich viele Medienjournalisten nicht als investigative Medienwächter ansehen, sondern als neutrale Berichterstatter.
Dieser Beitrag wurde unter Aktuell abgelegt am von .

Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.