„Medienthemen interessieren unsere Zuhörer nicht“

von Noëlle König

Wenn Privatradios über Medien berichten, dann hauptsächlich in Form von Film- oder Fernsehkritik. Über sich selbst berichten sie dagegen kaum, wie das Beispiel von Radio Argovia zeigt. Chefredaktor Jürgen Sahli erklärt, weshalb das so ist.

Jürgen Sahli, Chefredaktor Radio Argovia.

Jürgen Sahli, Chefredaktor Radio Argovia.

Bei Privatradios wird kaum über sich selbst oder andere Radios berichtet, wie Bettina Nyffeler, Medienspezialistin beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom), beobachtet: „Wir publizieren jährlich wissenschaftliche Studien zu den Programmleistungen der konzessionierten Veranstalter betreffend die Informationsangebote während der Prime time. Das Medienecho auf diese Studien ist leider minim.“

Kritik an Sendungen ja – am Medium nein
Jürgen Sahli, Chefredaktor von Radio Argovia, vermutet zu wissen, wieso im Radio nicht über Medienthemen gesprochen wird: „Das interessiert die Zuhörer nicht.“ Informationen aus der Medienwelt, seien nur für Leute aus dieser Branche interessant, meint Sahli und ergänzt: „Ich sehe den Mehrwert für unsere Zuhörer nicht.“ So würde lediglich darüber berichtet, wenn zum Beispiel ein Medium eine neue Sendung hat, etwas Spezielles macht oder das Thema auch für die eigenen Zuhörer als spannend angesehen wird. Sahli erklärt: „Natürlich haben wir darüber berichtet, als die Serie ‚Der Bestatter‘ in Aarau gedreht wurde.“ Solche Themen, welche die Bevölkerung interessieren, würden sie natürlich aufnehmen, das werde auch von ihnen erwartet, sagt Sahli. So gehörten auch regelmässig Kritiken von Serien oder Filmen in ihr Programm, aber das habe mit dem Medium direkt ja nichts zu tun, sondern gehe nur um den Inhalt, zum Beispiel ob die Schauspieler überzeugend spielen oder nicht.

„Medienschelten macht man nicht“
Die Medienunternehmen würden sie sowieso nicht kritisieren, sagt Sahli: „Medienschelten oder wie man dem auch sagt, macht man nicht. Auf jeden Fall bei uns nicht.“ Und auch das eigene Unternehmen steht bei Radio Argovia eher selten auf dem Programm. Jürgen Sahli meint sogar: „Vielleicht machen wir das zu selten, über das eigene Unternehmen zu berichten.“ Zum Beispiel wenn die neuen Hörerzahlen bekannt gegeben würden, sei das bei ihnen eigentlich nie ein Thema. Auch da glaubt Sahli, das interessiere den Hörer einfach nicht: „Unsere Zuhörer wollen ein gutes Programm und mit dem Radio zufrieden sein, das ist das Wichtigste.“ Das eigene Unternehmen würde nur thematisiert, wenn es etwas Interessantes zu berichten gäbe.

„Fehler korrigieren wir natürlich“
Über Beschwerden, die das Programm von Radio Argovia betreffen, berichte man nur dann, wenn etwas wirklich falsch war: „Dann korrigieren wir das natürlich. Das ist aber noch nicht oft vorgekommen“, sagt Sahli. Sonstige Beschwerden der Hörer würden von der Geschäftsleitung direkt beantwortet, entweder schriftlich, telefonisch oder in seltenen Fällen auch in einem persönlichen Gespräch. Bei der UBI habe sich zum Glück noch nie jemand über sein Radio beschwert. Was dann genau geschehen würde, weiss Sahli nicht: „In den Redaktionshandbüchern steht, was man machen muss, damit es erst gar nicht zu einer Beschwerde kommt. Das ist viel interessanter, für diejenigen, die hier arbeiten.“

Medienkritik kann nicht angeordnet werden
Eine Möglichkeit, die Thematisierung der Medien zu fördern oder voranzutreiben, gibt es bei den Privatradios nicht wirklich. Denn sowohl der UBI als auch dem BAKOM fehlen entsprechende Kompetenzen. Pierre Rieder von der UBI erklärt: „Es kommt sehr selten vor, dass gegen ein Privatradio Beschwerde eingelegt wird. Wenn dies doch der Fall ist und die Beschwerde gutgeheissen wird, kann die UBI verlangen, dass interne Massnahmen getroffen werden, um ähnliche Rechtsverletzungen in Zukunft zu vermeiden. Eine Selbstthematisierung können wir von den Radios jedoch nicht verlangen.“ Das BAKOM kann im Falle einer Verletzung des Leistungsauftrages ebenfalls Massnahmen anordnen, den Gebührenanteil kürzen oder sogar Konzessionen entziehen, einen Einfluss auf die Berichterstattung hat es jedoch nicht. „Das Bakom respektiert die Programmautonomie der Veranstalter und macht dazu keine Vorgaben“, erklärt Bettina Nyffeler. Liege beispielsweise eine Stellungnahme des Presserats oder der UBI vor, würde laut Nyffeler das BAKOM eine Selbstthematisierung erwarten, ansonsten setze es aber auf die medienkritische Beurteilung durch andere Medien so wie auch auf die Reaktionen des Publikums.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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