Angewandte Kritik auf dem Stolperpfad

von Michel Wyss

Die mit viel Elan lancierten Online-Magazine Zentralplus und Journal B sahen sich schon nach kurzer Zeit mit Schwierigkeiten konfrontiert. Das Berner Projekt hat nach nur acht Monaten bekannt gegeben, den professionellen Betrieb bald einzustellen. Und auch auf das Innerschweizer Magazin Zentralplus warten hohen Hürden. Unabhängige Medien, die ihre Selbstlegitimation aus der Kritik an der etablierten Konkurrenz holen, haben offensichtlich einen schweren Stand.

Schnelles Ende: Das Berner Journal B steht ab September ohne Redaktion da.

Schnelles Ende: Das Berner Journal B steht ab September ohne Redaktion da.

An Ambitionen und guten Absichten hat es nicht gemangelt: Man wollte „Gesichter und Geschichten hinter den News und den grossen Schlagzeilen“ zeigen, „eine einordnende Berichterstattung zu pflegen, Geschichten zu erzählen, die neue Blickwinkel auf das alltägliche Geschehen in und um die Stadt Bern eröffnen“ oder auf eine knackige Formel gebracht: „Journal B – Sagt, was Bern bewegt“.

Wie sein zentralschweizerisches Pendant Zentralplus ist Journal B unter der Prämisse gegründet worden, dass die Medienqualität bei den etablierten Tageszeitungen der jeweiligen Region abgenommen habe und diese seit Längerem einen immer stärker konservativeren Kurs fahren würden. Dem wollte man einen alternativen und hintergründigen Journalismus entgegenstellen, der ein „neugieriges, differenziert denkendes und urban interessiertes Publikum mit einer demokratischen und von Nachhaltigkeit geprägten Grundhaltung“ (zentralplus.ch) ansprechen sollte.

Mangelnde Finanzen
Doch bereits acht Monate später folgte die Ernüchterung. Die Redaktion wird aufgrund mangelnder Finanzen entlassen, der Online-Betrieb auf ein „Miliz-System“ umgestellt und das „neue Journal B“ nach den Sommerferien der Öffentlichkeit präsentiert. Das kam nicht unerwartet. Schon in einer Zwischenbilanz war anfangs April 2012 die Rede von fehlenden Mitteln. Dem als Hauptfinanzierungsquelle vorgesehenen Trägerverein mangelte es an Mitgliedern. Die Idee, einen Jahresbeitrag von 250.- für ein Gratismedium zu entrichten, schien auf wenig Gegenliebe zu stossen.

Offenbar gab es auch Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Vorstand, der sich hinter die Redaktion stellte, und dem Beirat, der ein schärferes Profil forderte. Infolge versuchte man einen Strategiewechsel, der eine stärkere Fokussierung auf (tages-)politische Themen vorsah. Doch auch dies schien nicht mehr zu helfen. Knapp eineinhalb Monate später war der Traum einer alternativen Medienstimme in Bern ausgeträumt.

Interaktion als Markenzeichen?
Nicht ganz so düster sieht es in der Zentralschweiz aus, wo das Online-Journal Zentralplus im Januar dieses Jahres an den Start ging. Zwar gab es nach nur wenigen Monaten bereits erste personelle Änderungen in der Redaktionsleitung und auch der Anzeigeverkauf verläuft noch nicht wie gewünscht. Mit den Besucherzahlen liege man aber auf Kurs, wie Geschäftsleiter Christian Hug gegenüber dem Kleinreport betonte.

Wie auch bei Journal B wird bei Zentralplus die Interaktion mit der Leserschaft grossgeschrieben. Der Dialog mit der Community soll eines der zentralen Merkmale der Plattform sein. Gerade hier gibt es aber einigen Optimierungsbedarf. Seit geraumer Zeit scheint die Anzahl der Community-Mitglieder mehr oder weniger zu stagnieren. Und auch von einer Interaktion ist wenig zu sehen. Pro Beitrag sind durchschnittlich ein bis zwei Kommentare zu finden, dies hauptsächlich im Politik-Ressort. Bei Artikeln aus den Bereichen Wirtschaft oder Kultur oder auch auf der Facebook-Präsenz wird sogar noch weniger interagiert. Ein positiver Gegentrend ist derzeit nicht absehbar.

Abhängigkeit von etablierten Medien
Es scheint so, als wäre das Interesse an diesen alternativen Online-Journalen weniger gross als erhofft. Im Falle von Journal B wurden wohl auch Erwartungen enttäuscht, die man selbst geschürt hatte. „Wir möchten auf lokalem Niveau etwas machen, das der Wochenzeitung WOZ auf nationaler Ebene entspricht, da die beiden bestehenden Tageszeitungen in Bern bürgerlich ausgerichtet sind“, hatte Christoph Reichenau, Vorstandsmitglied des Trägervereins von Journal B gegenüber der Medienwoche erklärt. Im Gegensatz zur WOZ mangelte es dem Online-Journal aber an einem entsprechenden Profil, das zumindest eine dezidiert linke Leserschaft hätte ansprechen können. Dafür aber war es schlicht zu brav.

Die beiden Erfolgsfaktoren stabile Finanzen und Publikumsinteressen führen zum prinzipiellen Dilemma der beiden Online-Journale, wie sie einem Beitrag für die Sendung Rendez-vous von Radio SRF erklärt wird: Um ein grösseres Publikum zu erreichen, müssen sie Themen lancieren, die von den etablierten Zeitungen aufgegriffen werden. Dafür mangelt es aber – aufgrund der geringen Leserzahl – an den nötigen Ressourcen. Die Online-Journale sind folglich von genau jenen Medien abhängig, die sie eigentlich konkurrieren wollen. Ein Teufelskreis, der in Bern das Experiment Online-Journal schon nach kurzer Zeit hat scheitern lassen. Ob die Chancen in der Zentralschweiz besser stehen, wird sich zeigen müssen.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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