Presserat: Im Fall Strehle ist die „Weltwoche“ zu weit gegangen

von Matthias Giger

An der diesjährigen Pressekonferenz des Schweizer Presserats hat Vize-Präsident Max Trossmann den Entscheid im Fall „Weltwoche Strehle“ bekannt gegeben. Dem Selbstkontrollorgan der Schweizer Medien ging die „Weltwoche“ in diesem Fall zu weit. Von der Sache her aus Sicht des Presserats korrekt, habe sich die Weltwoche bei der Form gleich mehrfach vertan.

max_trossmann-vizepräsidentpresserat

Max Trossmann, Vizepräsident des Schweizer Presserats, nimmt an der Jahrespressekonferenz in Zürich am 20. Juni 2013 Stellung zum Fall „Weltwoche Strehle“. Bild: Matthias Giger

Am 7. und 14. Februar 2013 brachte die „Weltwoche“ zwei Artikel über die linke politische Vergangenheit von Res Strehle (Chefredaktor Tages-Anzeiger). Vor allem der erste Artikel erregte Aufsehen. Bei diesem zeigte die „Weltwoche“ auf der Titelseite sowie über dem Artikel zwei fast 30 Jahre alte Polizeifotos von Res Strehle. Sie entstanden 1984 bei erkennungsdienstlicher Erfassung nach der Räumung einer besetzten Liegenschaft. Pikant, denn Res Strehle hatte eigentlich damit gerechnet, dass diese Bilder mittlerweile längst gelöscht worden waren. Beim Presserat erkennt man zwar den Reiz, solche Bilder zu publizieren. Dennoch ist der Rat bei seinem Entscheid aber zur Meinung gelangt, dass der Persönlichkeitsschutz höher wiegt als das öffentliche Interesse an diesen Fotos. Weiter stellt sich der Presserat gemäss Trossmann rein von der Sache her auf die Seite der „Weltwoche“:

Der Presserat bejaht in seiner Stellungnahme, dass es sich Res Strehle als Chefredaktor einer meinungsbildenden, grossen Tageszeitung gefallen lassen muss, dass seine politische Vergangenheit kritisch aufgegriffen wird. Und die „Weltwoche“ führt zu Recht an, mit Strehles Ernennung zum Alleinchefredaktor der aus Print und Online zusammengeführten „Tages-Anzeiger“-Redaktion habe sie einen aktuellen Anlass für den Artikel gehabt.

Das öffentliche Interesse an der politischen Biografie eines Chefredaktors rechtfertigt es aber nicht, zwei fast 30-jährige Polizeifotos zu veröffentlichen. Und damit die Persönlichkeit Strehles zu verletzten, seine Privatsphäre gemäss Ziffer 7 des Journalistenkodex.

Insinuiert, belegt aber nicht

Das öffentliche Interesse berechtige die „Weltwoche“ auch nicht, in Kombination mit weiteren Bildern verurteilter Gewalttäter und Terroristen die durch Fakten nicht belegte und damit die Tatsachen entstellende These zu vertreten, Strehle habe als möglicher Mitwisser und (ideeller) Unterstützer von politischer Gewalt eine „irritierende Nähe zu Bombenlegern und linken Extremisten“ gehabt, so Max Trossmann.

Diese These ist durch Fakten kaum gestützt. Die „Weltwoche“ insinuiert, belegt aber nicht.

Damit sieht der Presserat Ziffer 1 des Journalistenkodex, Pflicht zur Wahrheit, sowie in Bezug auf die Entstellung von Tatsachen Ziffer 3, verletzt.

Möglichkeit zur Stellungnahme ungenügend

Ziffer 3 wurde nach Ansicht des Presserats auch in Bezug auf das Anhören bei schweren Vorwürfen missachtet. Was die „Weltwoche“ hier erhob, sind nach Einschätzung des Presserats eindeutig schwere Vorwürfe. Max Trossmann hält fest:

Zu solchen sind die Betroffenen anzuhören. Das hat die „Weltwoche“ zwar getan, aber ungenügend und zu kurzfristig. Denn selbst wenn Strehle als Chefredaktor die Gepflogenheiten der Branche kennt, geht es nicht an, ihm solch schwere Vorwürfe zu Jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen erst wenige Stunden vor Redaktionsschluss zu unterbreiten. Wir erinnern in unserem Entscheid zudem daran, dass die Vorwürfe „präzis“ zu nennen sind. Zum Vorwurf, Strehle habe damals von terroristischen Aktivitäten von Mitbewohnern in seiner Wohngemeinschaft zumindest Kenntnis gehabt, hätte die „Weltwoche“ deshalb konkrete Namen nennen müssen.

Keine unlautere Beschaffung der Polizeifotos

Ein „besseres Zeugnis“ stellt der Presserat der „Weltwoche“ in Bezug auf die Lauterbarkeit der Recherche aus (Ziffer 4 im Kodex):

Der Presserat sieht nicht, dass sich die „Weltwoche“ beim Beschaffen der Polizeifotos unlauterer Methoden bedient hätte oder dass sie Dritte angestiftet hätte, das Amtsgeheimnis zu verletzen.

Unter unlautere Methoden fallen beispielsweise Bestechung, Erpressung, Vortäuschung falscher Tatsachen, unerlaubtes Entwenden oder Erschleichen von Informationen beziehungsweise Dokumenten. Res Strehle hatte Anzeige gegen Unbekannt eingereicht. Das daraufhin eröffnete Verfahren ist inzwischen sistiert worden, da nicht eruiert werden könne, auf welchem Weg die „Weltwoche“ zu den Bildern gelangte, wie eine Nachfrage der SDA ergeben hat. Der Presserat betont, dass es aus seiner Sicht sogar wünschenswert ist, wenn Medien mit vertraulichen Informationen bespielt werden und man sich schon lange gegen den Artikel 293 StGB – Veröffentlichung amtlicher geheimer Verhandlungen – wehre.

Doppelrolle des Presserats – nur ein vermeintliches Dilemma

In der Diskussion, die vor allem unter Journalistinnen und Journalisten nach den beiden „Weltwoche“ Artikeln geführt wurde, ging es auch um die Frage, ob der Presserat-Präsident Dominique von Burg mit seiner prompten Stellungnahme keinen Fehler begangen habe. Peter Studer, ehemals Präsident des Presserates verneinte dies. Er sagte, es sei Usus, dass der Präsident des Schweizer Presserats aktuell Stellung bezieht und dann bei der Behandlung des Falles in den Ausstand tritt. Diese Doppelrolle sei beim Presserat Programm. Auch an der Jahrespressekonferenz wurde diese zwei Aufgaben des Presserates betont. Es sei wichtig, dass der Presserat beides könne: Sich für den ausführlichen Entscheid Zeit lassen aber auch aktuell Stellung zu beziehen, um Grundsätzliches festzuhalten. Hier gebe es eine klare Rollenteilung zwischen Präsident und Vizepräsident, so Dominique von Burg.

Zum Dossier „Weltwoche Strehle“, das die Diskussionen und den Fall im zeitlichen Ablauf darstellt

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell abgelegt am von .

Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

Ein Gedanke zu „Presserat: Im Fall Strehle ist die „Weltwoche“ zu weit gegangen

  1. Kristin Beard

    Wie mehrere Personen berichten, hat Online-Chef Peter Wälty daraufhin an einer Sitzung zur Rechtfertigung des Vorfalles und Verteidigung erwähnt, dass Tamedia vor nicht allzu langer Zeit aufgrund eines anderen Fehlers in der Zeitung eine Viertelmillion Franken zahlen musste. Vor diesem Hintergrund sei auch die grosszügige Regelung mit Müller zu sehen. Wälty sagte gestern Samstag auf Anfrage, er erinnere sich nicht, jemals etwas in diese Richtung gesagt zu haben. Seit kurzem ist er auch stellvertretender TA-Chefredaktor.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.