Findet Medienkritik statt?

von Philip Kübler

Der Verein Medienkritik Schweiz interessiert sich für die direkte Kritik einzelner Medienthemen und Medienleistungen. Solche themen- und ereignisbezogenen Beiträge schicken wir auch gelegentlich über unsere Website in die Öffentlichkeit (den ehrenamtlichen Autoren sei gedankt). Doch das hauptsächliche Engagement unseres Vereins gilt der Kritikfähigkeit der Medien und der institutionalisierten Medienkritik von aussen.

Verstanden als Nörgeln ist Kritik unbeliebt. Als konstruktive Auseinandersetzung hingegen ist sie willkommen – so wird das gerne gesagt. Politik und Journalismus nehmen Auseinandersetzungen in der Regel an und sind sich Debatten gewohnt. Den Akteuren dieser Systeme ist bewusst , dass sie systematisch Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben.

Ob Medienkritik stattfindet, lässt sich in drei Dimensionen beobachten:

  1. Empfangen und ertragen die Medien (Unternehmen und Medienschaffende) Kritik?
  2. Üben die Medien Kritik (also gegenseitig und Selbstkritik)?
  3. Wie gelingt es (welchen) Dritten, von ausserhalb Kritik an den Medien zu üben?

Besonders die dritte Frage berührt das Mediensystem. Die rechtlichen, beruflichen und unternehmerischen Normen, Strukturen und Abläufe sind bestimmend dafür, ob die gelebte Kritik im Journalismus eine Chance hat und ihren Beitrag zur Medienqualität leisten kann. Das Ob und Wie der Kritik ist wichtig, im Interesse des Publikums, der Medienlandschaft Schweiz und letztlich der Kultur in unserem Staat, in unserer Gesellschaft.

Eine Standortbestimmung zur Medienkritik haben Vinzenz Wyss, Michael Schanne und Annina Stoffel in ihrem Gastbeitrag zum Jahrbuch 2012 „Qualität der Medien“ vorgelegt.

Wir beobachten, dass sich die Medien seit der Gründung unseres Vereins vor rund drei Jahren immer stärker mit dem Medienwandel auseinandsetzen. Medienwandel, Digitalisierung und Internet scheinen als ungleich stärkerer Reiz zu wirken als die Medienkritik.

Im Vordergrund stehen vier zusammenhängende Faktoren des Medienwandels:

  • Technik: Digital, interaktiv, vernetzt – erkennbar am Internet und an den Mobilgeräten.
  • Mediennutzung über zahlreiche neue Bildschirme und zahlreiche parallele Kanäle – ein neuer Kampf um Aufmerksamkeit.
  • Akteure: Internetdienste und Computerunternehmen als neue Konkurrenz.
  • Geschäftsmodell im traditionellen Sinn (Einzelverkauf, Abos und Werbung) wackelt; die bisherigen Erlöse und Kundenbeziehungen sind in Frage gestellt.

Im Kontext – und manchmal im Schatten – dieser langfristigen wirtschaftlichen und kulturellen Grossbaustelle findet die Selbstreflexion der Medien statt. So erstaunt es nicht, dass bewährte medienkritische Gefässe und Stimmen abtreten und dafür neue Medienkritiker aufgetreten sind, die ihr Wirkungsfeld im Onlinejournalismus und im Internet sehen. In den letzten Jahren haben sich mehrere Angebote profiliert: Medienwoche, Medienspiegel, aber auch etwa Infosperber und Journal21.

Dieser Online-Medienjournalismus erreicht nur manchmal die nötige Kontinuität und tröstet dann über die spärliche Medienreflexion in den Printmedien hinweg, wobei die Ausnahmen zu loben sind, namentlich die NZZ mit Rainer Stadler und die Weltwoche mit Kurt Zimmermann, beides Autoren, die seit Jahren „alive and kicking“ sind. Zu erwähnen ist auch die „Schweiz am Sonntag“, die ohne Zwang immer wieder Medienthemen aufgreift. Ihr Chefredaktor Patrik Müller organisiert nicht nur das jährliche Swiss Media Forum in Luzern, das unter anderem medienkritische Podien mitveranstaltet, sondern erscheint auch als ständiger Gast im neuen Medienclub des Schweizer Fernsehens SRF. Der Medienclub hat eine Chance verdient, zeigte schon in der zweiten Sendung eine Steigerung und hat sich kürzlich zur Streitigkeit Schweizer/Schweizerinnen zu Wort gemeldet.

Die Beschwerdeorganisationen Presserat und UBI stemmen eine unverändert hohe Geschäftslast, letztere als Zweitinstanz nach den Ombudsstellen z.B. der SRG. Diese Fallpraxis schafft es zunehmend auch in die Zeitungsspalten (der Presserat will inskünftig darüber wachen) oder wenigstens in den mit unbestechlicher Regelmässigkeit rapportierenden (und manchmal höhnenden) täglichen Newsletter Kleinreport und in das Fachmagazin Medialex. Die Stiftung „Wahrheit in den Medien“ organisiert nicht minder verlässlich ihren Jahresanlass in Luzern, und der Arbus äussert sich sowohl live als auch online zu medienpolitischen Themen und publiziert das Magazin „Wellenbrecher“. Last bus not least bringen Edito+Klartext (mit neuer Website), der Schweizer Journalist und Persönlich (persoenlich.com) sowohl gedruckte als auch online verfügbare Medienbeobachtung.

Zusammen mit den zunehmend publikumsaktiven medienwissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen ergibt dies ein gefühltes Anwachsen von Medienkritik in der Schweiz.

Das wäre eigentlich ganz im Sinn von Medienkritik Schweiz, und das würden wir gerne empirisch erhärten: Ein medienkritischer Radar, der uns als Projektskizze seit der Gründung unseres Vereins verfolgt. Wir halten die Idee eines Radars pendent und wenden uns derweil der hochaktuellen Medienpolitik zu, nachdem der Ständerat eine Motion zur Medienförderung eingereicht hat. Dazu und zu Fragen des Service Public und des Medienrechts haben wir über die Jahre eine Reihe von Veranstaltungen präsentiert. Unsere Website ist reich an Beiträgen aus dem Kreis der Studierenden an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und enthält auf diese Weise interessante Triebe in viele Richtungen.

Wir werden uns der Website im Rahmen unserer Milizkräfte baldmöglichst annehmen. Dann wird auch das Profil unseres Vereins Medienkritik noch klarer: Aus der Sicht des Publikums die Medien und das Mediensystem beobachten und dabei Akteure in der Gesellschaft, im Journalismus, im Verlagswesen und in der Wissenschaft näher zusammen zu bringen – und dies aus einer ergebnisoffenen und politisch unverdächtigen Warte – unabhängig.

Den drei Fragen zur Existenz und zum Gehalt der Medienkritik werden wir weiter nachgehen. Am 27. November 2013 findet unsere Jahrestagung statt: Jede und jeder kann sich zum Anlass anmelden, auch ohne Mitglied unseres Vereins sein zu müssen (Flyer zur Tagung Tagung 2013 Programm).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.