Die Macht der Schlagzeilen

von Philip Kübler

Eine Redaktion möchte über ein Ereignis berichten, dessen Bedeutung aber den eigenen Anspruch an die Relevanz der Themen unterschreitet, die man normalerweise bringt. Die Lösung: Man beruft sich ausdrücklich darauf, dass das Ereignis nun einmal „Schlagzeilen macht“. Oder sogar „für Schlagzeilen sorgt“.

Jeder Medienfreund kennt den Trick aus Funk, Fernsehen und Print, und gerne rümpft man die Nase. Knapper Platz der Sender und knappes Zeitbudget der Informationsempfänger müssten eigentlich nahelegen, dass es zur positiven Selektion eines Stoffes mehr braucht als die Schlagzeilen anderer Medien.

Die intuitiven Fragen der Leserinnen und Zuschauer:

  • Wer sonst nichts (mehr) macht, macht wenigstens Schlagzeilen. Genügt das für Euren Bericht?
  • Die Schlagzeilen finden wohl auf dem Boulevard statt. Ok, aber seid Ihr nicht ein Leitmedium?
  • Der Inhalt der Schlagzeilen ist nicht deutlich, nur Rauch aber kein Feuer. Zu früh für eine Plattform?
  • Die Schlagzeile bringt etwas Heikles und Strittiges, es ist vielleicht nicht einmal eine öffentliche Person oder ein relevanter Vorgang betroffen. Gut, aber dann bleibt bitte konsequent auf der Metaebene.

Der Schlusspunkt stösst an eine medienethische und -rechtliche Frage. Ist nämlich ein direkter Bericht über einen Verdacht oder Vorwurf unangemessen, so schafft man dadurch Distanz, dass man bloss zur Rezeption dieses Vorgangs publiziert. Die Regeln dazu lauten etwa:

1. Möglichst objektiv auf den Stein des medialen Anstosses hinweisen.

2. Die Quellen des Gerüchts oder Sturms bezeichnen, und zwar möglichst genau.

3. Bei schweren Vorwürfen die Betroffenen anhören und ausdrücklich auf ein Dementi hinweisen.

4. In Inhalt und Darstellung keine Vorverurteilung entstehen lassen und die Privatsphäre beachten (in der Regel keine Bilder aus nicht-medialen Sphären des Internets fischen).

In dieser Richtung gehen seit langem auch das Bundesgericht (sog. „erkennbare Distanzierung“) und der Presserat (u.a. die Richtlinie 3.8). Es ehrt die Medien, wenn sie die Leitlinien fair berücksichtigen: Distanz, Disziplin und Deontologie – die drei „D“ helfen, in den Medien die blosse Reaktion von der wertvollen Redaktion zu trennen.

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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

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