Journalismus und PR

von Matthias Giger

Journalismus heisst, etwas zu drucken,
von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird.
Alles andere ist Public Relations.

Taugt dieses Zitat von George Orwell heute noch oder ist es überholt?

Aus meiner journalistischen Praxis weiss ich, dass „Berührungsängste abgebaut wurden“, wie man es aus PR-Warte ausdrücken mag. Besonders betroffen davon ist der Lokaljournalismus. Hierbei mangelt es an einer klaren oder klar kommunizierten Linie der Chefredaktion. Wenn man zudem die Selbstverständlichkeit in Betracht zieht, mit der Amststellen Texte gegenlesen wollen, so kann einem schon mulmig werden. Hierzu zwei Beispiele:

Beispiel 1: Die Kommunikationsleute eines Bundesamtes senden binnen weniger als einer Stunde – dort ist offenbar mehr (Wo-)Manpower vorhanden als auf den dünn besetzten Redaktionen – einen Text zurück. Dabei wurden nicht nur die Zitate geföhnt, sondern es wurde auch am Text herum stilisiert. Mein Kommentar in der Rückantwort: Besten Dank. Die Änderungen an den Zitaten werde ich übernehmen (Recht am eigenen Wort), die übrigen Änderungen am Text hingegen nicht (Recht am eigenen Stil).

Beispiel 2: Ein Mädchen ist während des Skischul-Unterrichts vom Sessellift gestürzt. Als ich mich beim Schweizer Skischulverband erkundigen wollte, wie es um die Pflichten von Skilehrern steht, erhielt ich von der Kommunikations-Chefin mitgeteilt, dass man zu diesem Zeitpunkt dazu nichts sage. Diese Information könnte nämlich mit dem Unfall in Verbindung gebracht werden. Selbst mit meiner Argumentation kam ich nicht weiter, dass dies ganz klar mit dem Unfall in Zusammenhang gebracht wird, weil es Eltern interessiert, was für Pflichten Skilehrer haben und mir die Auskunft zu einem späteren Zeitpunkt (wie von der Kommunikations-Chefin angeboten) nichts mehr nützt (mangels Aufmerksamkeit/Aufhänger). Natürlich habe ich die Auskunftsverweigerung seitens des Verbands im Text vermerkt. Keine Antwort ist bekanntlich auch eine.

Journalistinnen und Journalisten sind sich der Problematik rund um PR bewusst. Souverän damit umgehen können hingegen die wenigsten. Nicht alle wissen um ihre Rechte und Pflichten. Das ist schlimm, denn es führt zu einer Art Selbstzensur oder aber Haudegen-Journalismus. Und die Existenz des letzteren wird wiederum von jenen auf der anderen Seite genutzt, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Sie sagen, „wir wollen nicht falsch zitiert werden“ und dehnen das falsch auch auf den allfälligen negativen Kontext aus. Dies führt dann zu Eiertänzen.

Fazit:
– Chefredaktionen sollten klare Verhältnisse in Punkto PR-Abwehr schaffen, diese angemessen kommunizieren und immer wieder wachrufen
– Die Ausbildung sollte mehr Gewicht auf Presserecht (Rechte und Pflichten) und Recherchekomptenenz legen, sowie leuchtende Beispiele journalistischer Leistung aufzeigen
– Initiativen wie oeffentlichkeitsgesetz.ch oder investigativ.ch, die sich gegen die politische Schwächung der Medienfreiheit zur Wehr setzen, sollten mehr Gewicht erhalten

 

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

3 Gedanken zu „Journalismus und PR

  1. Peter Eberhard

    Mit dem Fazit von Matthias Giger bin ich völlig einverstanden (mit dem Zitat von Orwell weniger). In beiden Fällen haben die PR-Verantwortlichen schlicht versagt. Ich wiederhole meine Leier: Wenn auf beiden Seiten nach den üblichen professionellen Standards vorgegangen wird, gibt es kein Konfliktpotential, aber eben… Und was mir einmal mehr auffällt (siehe auch Fall Hug/Post etc.): Die von Journalistenseite aufgebrachten Klagen beziehen sich verdächtig oft auf öffentliche Verwaltungsstellen bzw. parastaatliche Organisationen und weniger auf private Unternehmen. Ein Zufall?
    Peter Eberhard, Präsident pr suisse (Schweiz. Public Relations Verband)

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  2. Philip Kübler

    Das Zitat wird in ähnlicher Formulierung auch William Randolph Hearst zugeschrieben, oder dem Briten Lord Northcliff. So etwa Pietro Supino in seiner Ansprache am grossen Empfang des Tages-Anzeigers vorgestern. Ungeachtet der Quelle ist das Zitat etwas grob. „Mann beisst Hund“ zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sich jemand – der Hund vielleicht – an der Verbreitung stört. Umgekehrt kann vergleichende Werbung sehr wohl dem Konkurrenten widerstreben und wäre dann „News“. Und Enthüllungen sind oft gesteckte Primeurs, die für den Enthüller oder seinen Informanten sehr wohl PR oder Advertising darstellen. – Wir werden dazu am diesjährigen Swiss Media Forum in Luzern 8./9. Mai etwas in die Tiefe gehen.

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  3. Pingback: BR oder PR: Grosser runder Tisch der Freien BerufsjournalistInnen FBZ - Medienkritik Schweiz Medienkritik Schweiz

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