Journalismus & PR – einerlei?

Bericht von Doris Gerber zum von Medienkritk Schweiz veranstalteten Podium am Swiss Media Forum

IMG_0353

 

 

 

 

 

 

Die Teilnehmenden

  • Daniel Binswanger, Journalist „Das Magazin“
  • Philip Kübler, Präsident Medienkritik Schweiz, Moderator
  • Stephanie Grubenmann, Universität St. Gallen
  • Andreas Hugi, Furrer.Hugi&Partner

Die Auslegeordnung

Philip Kübler begrüsst die PodiumsteilnehmerInnen und das Publikum. Als Einstieg präsentiert er einen Strauss von Beispielen zur Vermengung von Journalismus und PR. Z.B.

  • Schweiz am Sonntag / 2. September 2013 / Hanspeter Bürgin: „PR-Firma zahlt Journalisten: Im Couvert steckten 500 Franken“
  • Marvin Oppong, Studie „Verdeckte PR in Wikipedia“, 2014
  • Medienwoche / 8. April 2014 / Nick Lüthi: „Journalistenpreis für Ex-Journalist“.

Einordnung und Zuspitzung

Philip Kübler gliedert die Probleme auf drei Ebenen: bei der Struktur, in den Kommunikationsprozessen und bei der Kultur. Er fragt zugespitzt, ob es eine grosse Machtverschiebung vom Journalismus zur PR gibt.

Stephanie Grubenmann nimmt aus Sicht der Wissenschaft Stellung. Sie stellt fest, dass diese Entwicklung nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern auf dem Hintergrund von Gesellschaft und Medienwesen. Journalismus und PR ermöglichen und beeinflussen sich gegenseitig. Im Berufsfeld des Journalismus sinken die finanziellen und personellen Ressourcen. Das Tempo steigt, ebenso die Messbarkeit der Resonanz von journalistischer Arbeit. Im Bereich der PR wurde und wird stark aufgerüstet – finanziell und personell. Die Aktivitäten werden zunehmend ausdifferenziert und standardisiert. Auf der individuellen Ebene ist festzustellen, dass die Kommunikationsberufe sehr beliebt sind, das Interesse am Journalismus aber sinkt. Die jungen Mediennutzerinnen und -nutzer zeigen ein anderes Verhalten. Sie konsumieren fleissig und viel – scheinbar unkritisch. Sie lehnen gemäss einer neuen Studie aber Pop-ups mehrheitlich ab und sind auch nur sehr begrenzt bereit zu zahlen.

Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es einen Information-Overload und es gibt zunehmend einen Transparenzdruck.

Die Sicht der Akteure

Andreas Hugi stellt klar eine Verstärkung des Gegensatzes zwischen PR und Journalismus fest. Wenn diese Verschärfung des Tons eine vermehrte Auseinandersetzung brächte, würde er es begrüssen.

Daniel Binswanger sieht die Position des Journalismus geschwächt durch die finanzielle Situation der Medienhäuser. Er spricht von einer Schwächung der Feuerkraft. Aber er findet es glänzend, dass der für das Buch „Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ mit dem Förderpreis von ProLitteris ausgezeichnete Oliver Classen von Philip Kübler zum Thema gemacht wird. Er lobt seinerseits das weitherum anerkannte Buch.

Mit Andreas Hugi ist auf dem Podium ein Kommunikationsberater vertreten, der ein Mandat von Glencore hat. Er wirft die Frage auf, ob Classen noch ein Journalist sei, verneint sie aber selber. Eigentlich müssten die Journalisten bedauern, dass die offenbar beste Recherche nicht aus einer ihrer Redaktionen stammt.

Dazu bemerkt Binswanger, Medienhäuser müssen heute anerkennen, dass NGOs Inhalt und Recherchen liefern: „und es ist gut so!“ Es gebe den unabhängigen Journalismus noch, bei dem Differenzierung, Niveau und Fakten in Ordnung sind. Druckversuche von PR-Seite kennt er persönlich nicht. Verfasser von Kommentaren seien da weniger gefährdet.

Der Mediennutzer – die Mediennutzerin

Wie ist der Wert einer Information zu erkennen?

Andreas Hugi orientiert sich an der Marke, z.B. der NZZ, wo er sich darauf verlässt, dass die Regeln eingehalten werden. Er kennt auch Blogs, die für ihn qualitativ gut sind und die er regelmässig besucht. Auch das Bulletin der CS kann zusammen mit einem WOZ-Artikel Basis für seine Meinungsbildung sein.

Für Daniel Binswanger hat ein CS-Bulletin nichts mit klassischem Journalismus zu tun, denn es unterliegt einer Themeneinschränkung durch die Anforderung der Corporate Communication. Die Glaubwürdigkeit ist deshalb anders einzuschätzen. Medienhäuser und ihr Brand werden nach seiner Einschätzung weiterhin eine Rolle spielen. Gute Artikel von denen gesprochen wird, werden eher mit dem Medium als mit dem Autor verbunden.

Nach Stephanie Grubenmann muss der durchschnittliche Nutzer bewusster konsumieren und sich selber eine gewisse Kompetenz für die Einschätzung der Qualität aneignen. Die Medienhäuser brauchen gute Geschäftsmodelle, die die Unabhängigkeit der Journalisten gewährleisten und diese wiederum eine gute Ausbildung.

Braucht es mehr Regeln oder eine besser Kontrolle?

Philip Kübler insistiert auf dem Problem, dass es Fälle gibt, in denen die Nutzer die Herkunft und Qualitätsmängel redaktioneller Leistungen beim besten Willen nicht erkennen können. Sollen die Regeln des Presserats und des Code of Conduct zur Werbung (Verband Schweizer Medien, 2007) verbindlicher werden?

Regeln allein bringen keine Qualitätssteigerung, meint Andreas Hugi. Die bestehenden genügen, müssen aber besser koordiniert werden. Eine Marke verliert durch ihre Fehler an Wert und schwächt sich damit selber.

Für Daniel Binswanger sind die Regeln irrelevant – wichtig ist das Berufsethos.

Philip Kübler stellt erstaunt fest, dass es bei den Verlagen eine hartnäckige Resistenz gegen Regeln und Massnahmen zu ihrer Befolgung gibt, obwohl solches in anderen Branchen längst üblich ist. Selbstregulierung in Ehren, aber wenn sie nicht vollzogen wird und keine Transparenz herrscht, fehlt der Nutzen.

So what?

Die Statements und Einschätzungen haben gezeigt, dass Spannungen und Vermischungen zwischen Journalismus und PR bestehen und tendenziell zunehmen. Wenn die Medienhäuser sich finanziell nicht auffangen können, wird der unabhängige Journalismus weiter in Bedrängnis kommen und der informelle Einfluss der finanziell stärkeren PR wohl steigen. PR soll da ihren Platz haben, wo sie transparent ist.

Ein anspruchsvoller Medienkonsument kann der heutigen Vernebelung entgegenwirken und Klärung verlangen. Die Bedingungen für einen unabhängigen Journalismus und seine Regeln müssen deshalb bekannt sein und von Mediennutzenden aktiv eingefordert werden. – Medienkritik ist angesagt.

IMG_0354Zur Dokumentation und Präsentationsunterlage der Session geht es hier.

Doris Gerber ist Vorstandsmitglied von Medienkritik Schweiz.

Ein Gedanke zu „Journalismus & PR – einerlei?

  1. Pingback: Das Video unserer Session am Swiss Media Forum | Medienkritik Schweiz Medienkritik Schweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.