Keine Kleinigkeit

von Philip Kübler

Der Medienkonsum und das Kommunikationsleben entfernen sich vom Grossen und bewegen sich zum Kleinen:

  • SMS statt Brief.
  • Rasche Telefonate.
  • Kurzfutter in den Zeitungen.
  • Dünne Bücher.
  • Song statt Oper, Hits statt Symphonien.

Es ist ein Trend seit vielen Jahren.

In einem Vortrag im Jahr 2004 – es ging um „Mobile Payment & Billing“ – hatte ich die Beschleunigung und Zerkleinerung von Medieninhalten als einen von drei Trends bezeichnet und diesen mit den Handy-Zahlungsmöglichkeiten zusammengefügt:

Mobile Billing & Payment

Die These …:

„Aus Sicht von drei übergeordneten Trends (Individualisierung, Beschleunigung, Virtualisierung) sind M-Billing und M-Payment vielversprechend, sofern die individuelle Verrechnung (Person und Produkte) von Klein- und Kurzinhalten in den Vordergrund gestellt wird.“

… liesse sich auch kürzer fassen.

Es war vor zehn Jahren, und das Zahlen mit dem Handy ist immer noch unterwegs.

Doch die Kurzinhalte haben inzwischen zugelegt. Ein Grund liegt im Aufkommen von Mobilgeräten. Im Vergleich mit dem Tischcomputer waren Mobilcomputer schon immer rund 10x kleiner im Format, über 10x schwächer in der Rechenleistung und Bandbreite, und sie boten eine 10x kleinere Tastatur zur Steuerung eines 10x kleineren Bildschirmes.

Heute ist noch die Stromversorgung der Handys 10x schwächer, doch im Übrigen haben sich die Mobilgeräte emanzipiert. Wir nutzen sie häufiger als die Tischcomputer. Im Gleichschritt ist die Zerkleinerung der Mediennutzung fortgeschritten. Das Newshäppchen hier, das Videofilmchen da, das Social-Media-Botschäftchen dort.

Der Trend würde zur geringeren Dauer passen, mit der man sich heute einer Sache widmet. Auch weil die Auswahl und die Angebote wuchsen und Onlineverbindungen dauerpräsent geworden sind.

Vielleicht auch, weil uns die Kommunikationstechnik in ihrer Durchdringung des Alltags und des gesellschaftlichen Lebens nervös gemacht hat.

Die Kurzform war seit jeher verdächtig, solange ihr Schöpfer nicht die Prägnanz eines Leitsatzes oder die vollendete Form eines Gedichts erreicht hat. Adorno beklagte das Hören von „schönen Stellen“ in der Musik als dilettantisch.

Wenn man sich heute einig ist, dass kürzer kommuniziert auch besser kommuniziert ist, dann schwingt noch immer ein trotziges Aufbegehren gegen die Rhetorik früherer Lehrer und Gelehrter mit.

Kleines muss nicht klein bleiben. Im Internet werden Content-Teilchen kombiniert zu Listen und Zusammenschnitten. Verbindungen von Werken zu neuen Sammlungen und Bearbeitungen fordern das Urheberrecht heraus und stören das Prinzip der Autorenschaft – zugleich schaffen sie neue Medien- und Kunstformen, die mit lückenlosen Autorisierungen nicht entstehen würden.

Die wachsende Kleinteiligkeit passt zur wachsenden Macht der Daten im Vergleich mit den Informationen oder gar mit dem Wissen.

Die Kleinigkeit ist nicht das kleinste Problem der neuen Informationsgesellschaft.

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Über Philip Kübler

Philip Kübler ist Präsident des Vereins Medienkritik. Er ist Rechtsanwalt, unterrichtet Medienrecht an der Universität Zürich, war langjähriges Mitglied des Schweizer Presserates und ist Mitglied der Eidgenössichen Medienkommission, die den Bundesrat in medienpolitischen Fragen berät. Philip Kübler war für die Unternehmenstransaktionen von Swisscom verantwortlich (Head of Mergers & Acquisitions) und zuvor langjähriger Chefjurist dieses Unternehmens. Seit August 2014 ist er der neue Direktor der Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Ein Gedanke zu „Keine Kleinigkeit

  1. Matthias Giger

    Lieber Philip

    Es stimmt, dass sich die Verkleinerung der Geräte und deren Inhalte auf die Alltagskommunikation auswirken.
    Unser Leadership Professor hat uns kürzlich erzählt, wie sehr er sich über das schnöde „Zimmernummer?!“ eines Hotelportiers geärgert hat – wegen der Kürze der vom Portier auf das Minimum reduzierten Konversation.
    Offenbar gibt es noch Situationen, in denen man sich wünscht, dass es mehr als die Kurzform ist, über die der Sender seine Botschaft an den Empfänger bringt – auch wenn die Kurzform im Kontext verständlich wäre.

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