Tagung von Medienkritik Schweiz vom 17. November 2016

Vom Marktplatz in die Beiz

von Philip Kübler

Wir drucken hier eine Zusammenfassung des Kurzreferates von Philip Kübler ab, dem wiedergewählten Präsidenten des Vereins Medienkritik Schweiz. Philip Kübler referierte vor den Mitgliedern an der Jahresversammlung am 17. November 2016 im Kulturpalast in Zürich.

Wer Medieninhalte mag und sie beeinflussen möchte, hat vier Möglichkeiten. Erstens Finanzieren und Organisieren. Zweitens Publizieren und Kommunizieren. Drittens Medienrecht und Medienpolitik machen. Viertens Medienkritik üben.

Medienkritik Schweiz hat die letzte, wahrscheinlich wirkungsloseste Form gewählt. Und dies erst noch in einer Form, mit der wir uns vorsätzlich der Aufmerksamkeitslogik entziehen:

  • Wir verstehen Kritik als Auseinandersetzung mit den Medien, nicht als Herabsetzung.
  • Wir lieben gute Medieninhalte und finden professionelles Medienschaffen gut.
  • Wir verstehen Kritik systemorientiert, nicht primär ästhetisch als Leistungskritik.
  • Wir sind heterogen, thematisch offen und verbinden Analysen und Meinungen aller.

Die Standortbestimmung zur Medienqualität zeigt uns Vinzenz Wyss. Jene zur Medienkritik stellt uns Matthias Künzler vor. Ich danke beiden Professoren für ihre Beiträge als Experten und erfahrene Beobachter. Ich selber versuche nun den Standort der «Kommunikationsordnung» zu bestimmen.

In der elektronischen Kommunikationswelt steht der Mensch im Zentrum

Die Kommunikation, ob Software oder Sendungen, fliesst über Geräte zum Publikum, zum User. Massenmedien und Broadcasting konnten sich die Menschen noch als amorphe Gruppe vorstellen. Heute gilt das Prinzip Abruf. Eine entscheidende Frage der Medienpolitik wird deshalb: Ist der abrufende Mensch nur Konsument – oder mehr? Steht er als Bürger in einer Art Pflicht, ein gesellschaftliches Wesen zu sein, sozusagen Mittel zum Zweck der Verfolgung öffentlicher Interessen? Hier fordert die verschärfte Aufmerksamkeitsökonomie des Internets die politischen Programme heraus: Wie und wo kann man in der internationalen und technisierten Kommunikationswelt überhaupt noch regulieren, verbieten oder fördern? Kein Anspruch und keine Medienpolitik nützen, wenn die beeinflussten Qualitäten oder Inhalte am Publikum vorbei gehen.

Zur Frage der Machbarkeit einer Medienpolitik kommt die Herausforderung hinzu, ganzheitlich zu denken und konsistente Vorschläge zu machen. Der Journalismus und die Medien stehen ja nicht alleine da, sondern sind von anderen Institutionen und Phänomenen mit ähnlichen Zwecken im Dienst der Gesellschaft und der Demokratie umgeben. Blickt man auf die geltende Kommunikationsordnung, so findet man rund zehn Paradigmen, von denen man erwarten darf, dass sie berücksichtigt und abgewogen werden, wenn man in der Medienpolitik neue Gesetze macht. Einige von Ihnen werden wohl neu beurteilt werden müssen: Es wäre erfreulich, wenn dies bewusst und transparent geschieht, nicht nur in Form einer schleichenden Erosion der Werte und Leitlinien.

Die rund zehn Paradigmen der geltenden Kommunikationsordnung

In der Verfassung sind sie zwar verstreut, doch man kann die folgenden Themen herausziehen:

  1. Meinungsäusserungsfreiheit (Zugang zu Bildung; Zugang zu Quellen):
    Ein Grundrecht aller Menschen und Organisationen, die offene Kommunikation.
  2. Medienfreiheit (Staatsunabhängige Medien; Publizistik und Journalismus):
    Ein qualifiziertes Grundrecht der Medien: Garantien namentlich für den Journalismus.
  3. Persönlichkeitsschutz (Ehre, Privacy und Integrität; informationelle Selbstbestimmung):
    Die Menschenwürde und die Hoheit über persönliche Daten, auch im Internet.
  4. Immaterialgüterrechte (Urheberrechte geschützt; gesetzliche Ausnahmen vergütet):
    Das geistige Eigentum stellt Werke in Beziehung zu den Autoren und Produzenten.
  5. Kulturförderung (Inhalte und Produktion; Organisation und Umfeld):
    Kunstwerke, Kunstvermittlung und kulturelle Leistungen werden staatlich unterstützt.
  6. Polizeigüter (Sicherheit und Gesundheit; Fairness und Rechtspflege):
    Staatliche Organe und Behörden sorgen für Recht und Ordnung zum Schutz der Gesellschaft.
  7. Verantwortlichkeit (Täterschaft; Gehilfenschaft):
    Menschen und Organisationen haften für ihr Tun je nach Rolle und Grad der Mitwirkung.
  8. Wettbewerb (Kartellverbot; Marktmissbrauch):
    Der Wettbewerb ist frei, aber gezielt begrenzt: Marktabsprachen und Missbräuche sind verboten.
  9. Vertragsfreiheit (Geldwirtschaft; Gewerbeordnung):
    Gesellschaft und Wirtschaft arbeiten mit Geld und arrangieren Transaktionen über Vereinbarungen.
  10. Versorgung (Netzwettbewerb und Netzzugang):
    Die Infrastrukturen und die Grundversorgung mit öffentlichen Diensten ist gesichert.

Diese zehn Paradigmen greifen über das hinaus, was gerne als Medienpolitik verstanden wird: Die Abgrenzung der privaten und der öffentlichen Medien. Offensichtlich ist das Zusammenwirken staatlicher und privater Kräfte: Die Medien sind ein nur schwach regulierter Markt. Zielkonflikte der Bereiche A bis J stechen ins Auge. Der Nutzungswandel und die technische Konvergenz schreiten voran, das Zusammenwirken von Staat und Wirtschaft wird angepasst, und die Verlagerung der Wertschöpfung weg von dem, was man einst „Content“ nannte, ist offensichtlich: Medieninhalte tendieren von Push zu Pull und von Publizistik zu Propaganda.

Welchen öffentlichen Raum betreten die Menschen, wenn sie Medien nutzen?

Wie die Menschen ihre Kommunikation verändern, lässt sich mit einem Bild beschreiben: Es scheint, dass die Menschen ihr Mit-Teilen immer weniger als Teilnahme in einem Markt verstehen denn als Besuch eines Lokals – einer „Beiz“. Der Besuch einer Beiz beschreibt besser, was die Kommunikationsmenschen heute mit ihren Geräten, mit ihren Sinnen und mit ihren Budgets tun.

Die Beiz ist charakterisiert:

  1. durch Menschengruppen in einem halb-öffentlichen Raum: sie sprechen miteinander;
  2. durch Ausdifferenzierung, denn man grenzt sich ab und lässt nicht jeden an den Tisch;
  3. durch eine Atmosphäre, einen Ort und Stil, der die Besucher in ihrem Selbst bestätigt;
  4. durch den Spass an Meinungen und Erzählungen, nicht nur an Wissen und Korrektheit.
  5. Man ist wegen der Geselligkeit da, zahlt aber für etwas anderes (Getränke und Speisen).
  6. Der Wirt interessiert sich wenig für die Geselligkeit, er verdient aber sein Geld damit.
  7. Früher oder später sind einige Gäste betrunken.
  8. Wer rausgeworfen wird, entscheidet der Wirt.

Es könnte sein, dass wir zunehmend damit konfrontiert sind, dass sich die Menschen online wie in einer Beiz verhalten. Kulturen dominieren die Kommunikation mehr als Regeln. Wenn unsere Paradigmen auf eine sanfte Regulierung und auf Marktplätze angelegt sind und wir sie anpassen wollen, so müssen wir den Inhalten und den dahinter stehenden Menschen einen Wert beimessen.

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Über Matthias Giger

Studium der Medien- und Kommunikation, Journalistik und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue., lic.rer.soc. Online-Redaktion bei der VR Leasing AG, Eschborn und bei der Zukunftsinstitut GmbH, Kelkheim. Von 2007 bis 2013 Lokalredaktor beim Toggenburger Tagblatt. Jetzt an einem Master of Science in Business Administration, Major Information Science.

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